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West Coast Rallye

Von Los Angeles nach San Francisco auf der Suche nach den kulinarischen Schnittmengen (samt einer Idee, wie man ganz sicher Millionär wird).

Text von Christian Seiler · Illustration von Markus Roost


Das Erste, was ich in Los Angeles kennen lernte, war das neue, enigmatische Verkehrs­konzept: lauter Überraschungseffekte. Als ich mit meinem gutmütigen Lincoln, aus Richtung Pasadena kommend, auf den Arroyo Seco Parkway einbiegen wollte, fuhr der Toyota aus dem siebzehnten Jahrhundert, der sich vor mir eingeordnet hatte, zuerst entschlossen los. Dann bremste er ebenso ­entschlossen wieder ab. Ich fuhr auch entschlossen los, bremste aber erst wieder, als sich die Front des Lincolns mit dem Kofferraum des Toyota temporär, aber heftig vereinigte.
Touché.

Ich stieg aus. Auf dem Arroyo Seco Parkway heizte Los Angeles vorbei.

Die Türen des Toyota blieben geschlossen.

Hinter uns begannen die ersten Autos zu hupen.

Es war Sonntag, halb elf Uhr vormittags. Ich war auf dem Weg zum Mittagessen. In Los Angeles musst du früh aufstehen, wenn du etwas Ordentliches zum Lunch bekommen möchtest. Nicht, weil die Restaurants so früh aufsperren, sondern weil die Anreise so weit ist. Ich wünschte mir gerade, ich wäre ein bisschen länger im Bett geblieben.

Ich näherte mich dem Toyota von der Beifahrerseite und klopfte, schon etwas beunruhigt, ans Fenster.

Der Fahrer saß still hinter seinem Lenkrad, als sei er gerade einem revolutionären Gedanken über die Zentrifugalkraft auf der Spur. Ich musste noch einmal und immer stärker an die Scheibe pochen, bis er mein Klopfen endlich hörte und mir langsam, wie in Trance, seinen Kopf zuwandte.

Ich bin nicht furchtsam. Ich traue mir ohne weiteres zu, im Prater mit der Geisterbahn zu fahren, ohne vorher das zweite Valium genommen zu haben. Aber jetzt überfiel mich das nackte Grauen.
Hinter dem Lenkrad saß ein Vampir.

Der Vampir trug eine Latzhose. Sein Gesicht war weiß und grau. Unter den Augen klafften matte, schwarze Höhlen, und das dichte, schwarze Haar hing ihm über die Stirn ins Gesicht. Die Mundwinkel waren feucht und glänzten, als hätte der Typ nicht so lang auf seinen Lunch gewartet wie ich.

Als er mich realisierte, nickte er schicksalsergeben und schnallte sich ab.

Das war ein Detail, das mich irgendwie wieder beruhigte. Denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass echte Vampire sich an die Gurtpflicht halten.

Im folgenden kurzen Gespräch stellte sich heraus, dass der junge Mann zwar kein echter Vampir war, aber in einem Low-Budget-Horrorfilm die ganze Nacht lang eine Leiche verkörpert hatte – wir waren schließlich in Los Angeles, selbst unechte Vampire sind hier beim Film. Wenig später traf ein ebenso filmreifer Sheriff von der Highway Patrol ein, der mir interessante Fragen zu Körpergröße und Gewicht stellte, und anschließend hätte ich einen großartigen Grund gehabt, mein Mittagessen in eine Cocktailbar zu verlegen.

Das brachte mich aber schon ins nächste Dilemma. Denn wie sollte ich die Cocktailbar erreichen, wenn nicht mit dem ramponierten Auto? Der Lincoln trug ein paar überhebliche Spuren von der vorangegangenen Kollision, während das Heck des Toyota ziemlich am Arsch war. Und wie sollte ich dieses Auto anschließend zurück in die Unterkunft steuern, die ich neben der Werkstatt eines Filmregisseurs genommen hatte, der im ­Nebenberuf Autos repariert und Zimmer vermietet? In den USA herrscht striktes Alkoholverbot für alle Verkehrsteilnehmer, auch wenn in den Kneipen gepichelt wurde, als gäbe es pro Bier ein zweites gratis. Die Parkplätze waren voll und Taxis sowieso keine in Sicht. Wie also kam das Gratisbier nach Hause? Hielt sich da jemand nicht an die Gesetze?

Beziehungsweise: Hielt sich hier überhaupt irgendwer ans Gesetz?

Fragen über Fragen. Nach meinem Erstkontakt zum Sheriff der Highway Patrol war ich jedenfalls der eine, der überall in Los Angeles nur alkoholfreies Bier bestellte. Nur, falls Ihr drüben seid und jemanden von mir grüßen lassen wollt.

Etwas später zeigte sich Los An­geles von seiner großartigen Seite. Das Meer, die Sonne, die Palmen, entspannte Leute, mindestens zehn bunt bemalte VW-Busse von damals. Der Manhattan Beach im diesigen Nachmittagslicht, die niemals müden Volleyballspielerinnen, Surfer, jedes Haus am Ufer wie direkt aus einem Einrichtungsmagazin, wenn auch manche aus etwas älteren Jahrgängen.

Ich genoss die Luft, die sanft vom Pazifik landeinwärts wehte. Sie trug die fantastischen, etwas abgedrehten „Good Vibrations“ an mein Herz, wie sie die durchgeknallten Beach Boys so unvergleichlich besungen haben, und ich musste mich demnächst entscheiden, ob ich mir a) eine Packung Chips besorgen und weiter aufs Meer hinaus starren sollte oder mich b) daran erinnern, dass im Manhattan House ein Tisch auf mich wartete.

Die Lösung war b), und es war eine gute Lösung. Im Manhattan House, das sich selbst augenzwinkernd als Pub bezeichnet (ungefähr so zutreffend wie die Bemerkung von David Alaba, dass er „ganz okay Fußball“ spiele), aß ich so gut wie nirgendwo sonst in Los Angeles.

Und ich hatte nicht irgendwo gegessen. Ich war downtown beim schicken Mexikaner namens B.S. Taqueria gewesen, das Bier war geflossen, die Musik war laut wie bei den Gypsy Kings, und ich hatte Gurkensalat und eine köstliche Auberginen-Guisada gehabt, bevor die Tacos kamen, und auch diese hatte ich nur leicht verletzt überlebt, weil ich vorsorglich die versteckten Chilis herausgeklaubt hatte, allerdings nicht alle.

Dann besuchte ich den angesagtesten Fusionisten von Hollywood, einen Amerikano-Asiaten namens E.P. & L.P, und der war tatsächlich sehr glitzy und glamourös. Die Küche beschrieb sich selbst als „regional mit tiefen Wurzeln in der Thai-Cuisine, samt Einflüssen aus China, Vietnam und den Fidschi-Inseln“. Diese Interpretation von Regionalität gefiel mir. Ich aß eine gegrillte Seeschnecke mit Curry, ­Sashimi von der Makrele, das zweimal gekochte Schwein mit Chili und Limette, den Nacken vom Lamm mit Chilimarmelade und – doch, das ging sich aus – ein Curry von Muscheln, das ziemlich gut war. Dazu amüsierte ich mich über die Pärchen nebenan, die ganz offensichtlich ihr erstes Date absolvierten und sichtbar mit der Frage beschäftigt waren, ob die Zeit bis zum Ficken immer so langsam vergehen würde. Sie hätten aber auch nicht so viele Gänge bestellen müssen, aber sonst wäre es wiederum kein angemessenes erstes Date gewesen. Komplexe Sache.

Ich checkte sogar bei Matthew Kenney in Venice ein, einer veganen Hütte, deren Chef nicht weniger verspricht, als an der „Zukunft des Essens“ zu arbeiten. Das Restaurant hieß Plant Food & Wine, und es zementierte alle Vorurteile, die man gegen vegane Szenehütten haben kann, von denen es in Venice Beach mehr gibt als Currywurstbuden in Berlin. Zwar war das Restaurant hübsch eingerichtet, wenn man Yoga-Studios hübsch findet, aber die Kellner waren ordnungsgemäß tätowiert, und auf der Karte standen zahlreiche interessante Naturweine, denen ich jedoch aus verkehrstechnischen Gründen nicht zusprechen konnte. Alkoholfreies Bier gab es keines. Ich entschied mich für eine vegane Burrata aus Mandeln, was ein Fehler war, und dann für ein Cashew Raclette aus, tja, Cashewnüssen. Irgendwie war mir nicht klar gewesen, dass es in einem veganen Restaurant keinen Käse gibt, und es gab auch keinen Käse, sondern nur das Wort „Käse“. Burrata und Raclette waren aus einer Nusscreme hergestellt worden, die „Raw Food Guru“ Kenney mit Bakterien angereichert und fermentiert hatte, gemeinsam mit Kräutern und Pfeffer. Ohne jetzt den Burger-Proleten raushängen lassen zu wollen: Das schmeckte genau so, wie es klingt. Das „Raclette“ kam heiß, in einer gusseisernen Pfanne gebraten und von Rettich und Petersilie begleitet und schmeckte nach heißer, angegammelter Nusscreme. Ich aß den Rettich und die ­Petersilie. Gut, dass ich noch eine Panzanella bestellt hatte, denn das Sauerteigbrot, das sich im toskanischen Salat befand, war gut, und die Tomaten waren großartig. Die Karotten und Linsen waren Karotten und Linsen, und eigentlich fand ich nur die Schokoladeauswahl, die zum Schluss kam, einigermaßen erfreulich – abgesehen natürlich von meinem Sitznachbarn, der mit durchgedrücktem Kreuz und einer schönen, offensichtlich neuen Frau ins Restaurant gekommen war und bei jedem Gang ein bisschen nachdenklicher wurde. Erstens, warum er das hier essen sollte, wo es doch zweimal ums Eck mindestens eine super Sushibar gab. Zweitens, ob eine intensivere Beziehung zu dieser Frau wohl damit verknüpft sein würde, dass man regelmäßig bei Matthew Kenney die Zukunft des Essens erörtern müsse. Diesen glosenden Gedanken löschte mein Freund etwas melancholisch mit großen Mengen Naturwein. Ich fühlte mich ihm sehr verbunden.

Ein anderes Mal aß ich auf dem Pier von Malibu ein Eis, das war gut und der Trost dafür, dass ich im Nobu Malibu, das nun wirklich glamourös im konvexen Schwung der Pacific Highway liegt, keinen Tisch gekriegt hatte, obwohl ich auf den Knien über den Parkplatz gerobbt war. Okay, vielleicht auch, weil ich auf den Knien über den Parkplatz gerobbt war. Wieder ein anderes Mal prüfte ich die Gastronomie in den Uni­versal Studios und musste die messerscharfe Diagnose stellen, dass der Burger meinen Ansprüchen nicht genügte, nachdem ich mein Niveau im Boilermaker in New York neu kalibriert hatte.
Also, hier für New-York-Reisende zum langsam Mitschreiben: bester Burger in Manhattan – Boilermaker, 13 First Avenue (at First Street), und wenn er Euch doch nicht so gut schmeckt wie mir, könnt Ihr Euch dort mit den Shots und Cocktails derart trösten, dass Ihr vergesst, warum Ihr eigentlich da wart.

Ach, Manhattan. Als ich das Manhattan House betrat und mich, befedert vom Wummern der Lautsprecher, zu meinem Tisch durchfragte, wusste ich noch nicht, dass die junge Frau, die gerade ihren Kopf aus der Küche streckte, Diana Stavaridis war, eine der begabtesten Köchinnen der Stadt, wie ich ein paar Tage später in der Times las. Diana war gerade erst aus Europa gekommen, wo sie zuerst in Frankreich gelernt hatte, Käse zu machen und Nussöl zu pressen, bevor sie bei Hugh Fearnley-Whittingstall im River Cottage gearbeitet hatte und nach Los Angeles nur gekommen war, um das Manhattan House zu eröffnen.

Ich aß zum Anfangen ein Gericht namens Carrotology, eine so präzise Deklination von wohlschmeckenden Karotten durch alle möglichen Konsistenzen, dass ich mir sofort noch einmal die Karte bringen ließ, um nachzulegen (ich überlegte auch kurz, ob ich Matthew Kenney anrufen sollte, weil das hier war die Zukunft des veganen Essens, nicht seine falsche Burratta; dann fiel mir aber ein, dass ich seine Nummer nicht habe). Ich bestellte alle Vorspeisen, die es gab. Die mit Mascarpone, Parmesan und einer Sauerampfercreme gefüllte Kürbisblüte war schlicht der Hammer. Die Burrata war echt, hausgemacht und köstlich. Die Bällchen aus faschiertem Lammfleisch kamen vom Grill und gehören in ein Museum für Comfort Food. Der Burger war mir eigentlich schon zu viel, aber ich aß ihn trotzdem, weil er mit seiner Fluffigkeit und der Zelebration von Umami in der Garnitur Weltklasse war. Gut, dass der Schokokuchen, den ich zum Abschluss nahm, ohne Mehl gebacken war, das gab mir die Gelegenheit, auch noch den Lemon Curd zu kosten, der mit Meyer Zitronen zubereitet worden war. Das stärkte mich.

Und, Mann, ich brauchte die Stärkung. Denn auf dem Heimweg nach Norden hatte ich plötzlich den Eindruck, dass sich das alkoholfreie Bier in meinem Metabolismus plötzlich unaufhaltsam in LSD verwandelt. Manhattan Beach ist nicht unbedingt um die Ecke, wenn man an der Grenze zu Pasadena wohnt, und die 50 Kilometer Autobahn, die ich vor mir hatte, gestalteten sich zu einer Symphonie überschwänglicher Gefühle. Als ich über bizarre Kreisel auf die I-110 gefahren war, bot sich mir ein unglaubliches Bild. Im Westen leuchtete noch das sphärische Licht des mittleren Abends, allein schon eine Herausforderung für den Romantiker, der ich nun einmal bin, nur dass ich in diesem Augenblick darauf achten musste, dass mein Lincoln auf einer der vier Spuren des Highways blieb und nicht etwa über dessen Ränder in den Abfluss kippte. Auf der anderen Seite, im Osten, formierten sich die Flugzeuge, die gerade im Landeanflug auf Los Angeles International waren, zu einem Geschwader von geheimnisvollen Lichtern, die direkt auf mich zuflogen, acht oder zehn hintereinander in einer Reihe, scheinbar bewegungslos in der Luft hängend wie implodierende Sterne. Dazu kam das Rot der Rücklichter jener Autos, die mich, der sich eisern an die vorgeschriebenen 35 Meilen hielt, mit doppelter Geschwindigkeit überholten – jeder, der sagt, dass der Verkehr in Los Angeles so smooth läuft, weil sich alle ans Tempolimit halten, war noch nicht dort.

Links das Weltall. Rechts die Ufos. Um mich herum ein Meer aus Bewegung, Farben und Geräuschen. Gibt es eine verführerischere Einladung, um stehen zu bleiben und mit großen Augen zu betrachten, welche Welle ich da gerade teile, den Schritt vom Tun zum Lassen zu wagen, vom Haben zum Sein, vom Sein zum Nichtsein …

Ich musste mich in dieser Koyaanisqatsi-Kulisse wirklich zusammenreißen, um nicht Scheiße zu bauen. Drehte das Radio auf und ließ mir von irgendeiner Hip-Hop-Partie das Träumen aus dem Leib prügeln. Aber leicht fiel mir das nicht.


Am nächsten Tag verließ ich Los Angeles. Ich fuhr Richtung Palm Springs. Schaute mir mit aufgerissenem Mund das Outdoor Museum von Noah Purifoy an, der aus Schrott und Abfällen eine Phantasiestadt in die Wüste gestellt hat. Durchquerte den Joshua Tree Nationalpark, den ich bis dahin nur vom Cover einer alten U2-Schallplatte gekannt hatte. Steuerte schließlich das Ace Hotel in Palm Springs an, eine Hotelanlage mit „Swim Club“, weil es genau das war, was ich brauchte. Genau genommen brauchte ich erst einmal einen ordentlichen Drink, aber darauf ­waren die Kollegen im Ace Hotel noch besser eingerichtet als aufs Schwimmen, weil das Becken schon von ironisch platzierten Gummiviechern und rauchenden Girls mit Sonnenbrillen in Beschlag genommen war.

Nie zuvor und nirgendwo sonst habe ich jemals so große Drinks bekommen wie hier. Das war schön. Leider habe ich mir nicht gemerkt, wie ich die nächsten Tage verbracht habe, aber ich glaube, es war sehr schön.

Bevor ich in meinem Endbahnhof San Francisco einlief, machte ich Station am Big Sur. Besuchte Hearst Castle, sah fette Robben am Strand liegen, fuhr mehrmals die legendäre Route 1 auf und ab, bei strahlendem Sonnenschein und dichtestem Nebel, was sich in Kenntnis der in den Pazifik abbrechenden Klippen ein bisschen wie ein Seiltanz dividiert durch meinen Lincoln anfühlte, entdeckte mein Lieblingsrestaurant in Big Sur, obwohl ich dreißig Kilometer entfernt in Ragged Point stationiert war, lungerte in dem Haus herum, wo Henry Millers Sekretär Emil White ein Museum für seinen Meister eingerichtet hatte und nützte jede Essenszeit, um in der Big Sur Bakery Wassermelone mit Fenchel in einer Vinaigrette von Meyer Zitronen zu essen, ein Gericht, das dir die Schädeldecke hebt vor Frische, Eleganz und Originalität. Weil ich schon da war, nahm ich natürlich auch noch den Schweinebauch und den gegrillten Oktopus und deckte mich mit den grandiosen Rugelachs ein, die man hier kaufen konnte – dann fuhr ich wieder am Rand der Welt spazieren, betrachtete den Pazifik, die unvergessliche Topographie dieses Küstenabschnitts, las, was Hunter S. Thompson über Henry Miller im Rogue-Magazine geschrieben hatte, was eindeutig lustiger war als die semipornographischen Auslassungen von Miller selbst, fraß die Rugelachs auf und sehnte mich nach der Wassermelone mit Fenchel. Um genau zu sein, sehne ich mich noch immer nach ihr.

Ich steuerte Monterey an, wo ich Bier trank. Ich hielt mich in Carmel-by-the-Sea auf, wo man mir in einem französischen Lokal das Geld aus der Tasche zog. Ich landete schließlich in San Francisco, wo ich im Hotel Vitale abstieg, einer schicken Hütte gleich am Pier 1, der aus mehreren Gründen Bedeutung für jeden San-Francisco-Aufenthalt hat. Im Pier 1 befindet sich die Hog Island Oyster Bar, die neben vielen anderen Lokalen im ehemaligen Hafengebäude untergebracht ist und wo du zu jeder Tages- und Nachtzeit Schlange stehen musst, um einen Tisch zu ergattern. Steh Schlange! Besorg dir an der Bar einen Drink, der die Wartezeit verkürzt und merk dir die Sorte der Austern, von denen du dir gleich ein Dutzend bestellen wirst: Kumamoto. Dabei handelt es sich um eine kleine, fleischige Austernsorte, die im ­Pazifik gezüchtet wird und deren Geschmack außerordentlich ist, süß, schmalzig, nussig, absolut überzeugend. Wenn du diese Austern zum ersten Mal geschlürft hast, wirst du ohne zu zögern wieder in der Schlange stehen, mit vor Vorfreude bebenden Flanken, und sogar den grasigen Sauvignon blanc aus Napa genießen, den sie dir dazu empfehlen.

Als ich im Vitale eincheckte, war gerade eine Party von Instagram auf der Dachterrasse in Gang. Ich wurde ohne Probleme eingelassen. In San Francisco gibt es keine noch so traurige Gestalt, die nicht nach potenziellem Milliardär aussieht, das hilft Typen wie mir bei der Gesichtskontrolle. Wenigstens eine Sache, für die wir Marc Zuckerberg dankbar sein können.

Der Blick auf den Hafen und die Oakland Bay Bridge war phänomenal. Die Kellner zeigten sich als gute Kumpels, es war warm, unten rauschten die historischen Straßenbahnwagen der F-Line vorbei. Die Welt war gut. Dabei wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, wie großartig die Kumamoto-­Auster schmecken würde, ich wusste noch nicht, dass im Frog Hollow Farm Café ein atemberaubendes Avocadosandwich zusammengebastelt wird, für das es zum Frühstück absolut keine Alternative gibt, und ich hatte nur eine vage Vorstellung vom Ferry Plaza Farmers Market, der zweimal pro Woche neben dem Pier 1 stattfindet: ein Rausch an wunderbaren Produkten, hingebungsvollen Menschen und anbetungswürdigen Leckerbissen, wie sich später herausstellte.

Was ich hatte, war ein Ticket für Daniel Pattersons Coi. Roland Trettl, der Patterson vor ein paar Jahren in den Hangar-7 eingeladen hatte, war mir in den Ohren gelegen, dass ich das Coi auf keinen Fall auslassen dürfe, selbst wenn das Reisebudget schon aufgebraucht sei (was spätestens seit Palm Springs der Fall war). Patterson, sagte Trettl zwar, sei „arrogant, herrschsüchtig und paranoid“. Aber eben auch „der absolute Champion des Abschmeckens“. Kein anderer Koch sei je so an die Grenzen des Geschmacks gegangen – und darüber hinaus. Pattersons wesentlichen Komponenten dafür seien Säure und Salz. Entlang dieser Komponenten hantle er sich in Regionen, vor denen alle anderen Köche zurückschrecken.

Große Ansage. Ich hatte direkt ein bisschen Angst, dass mir die hohen Erwartungen aufs Gemüt drücken würden, als ich das Coi ansteuerte, zwanzig Minuten zu Fuß vom Vitale, quer durch das Market Viertel, wo ich nicht widerstehen konnte und einem Straßenhändler, der originelle T-Shirts anbot, sein Prunkstück mit dem Schriftzug „Atheists“ abkaufte. Der Schriftzug war dem Logo der „Athletics“, dem Baseballteam aus dem benachbarten Oakland, nachempfunden, sehr witzig.

Dabei bin ich nur in Sachen Gott ungläubig. Ich glaube an den guten Geschmack, die heilige aromatische Küche, und ich wurde an diesem Abend für mein Glaubensbekenntnis reichlich belohnt. Nicht nur, dass das Coi einer Kapelle gleicht, die sich zum Beispiel Peter Zumthor ausgedacht haben könnte, schlicht, edel und das Schlaglicht auf das Wesentliche gerichtet, das Essen. Durch ein Fenster konnte ich in auch die kleine, eindeutig überbevölkerte Küche sehen, in der Daniel Patterson sein Passionsgesicht zeigte. Er sei, hatte er Trettl gestanden, permanent unglücklich mit den Tellern, die er aus der Küche entlassen müsse. Wenn an einem Abend, an dem immerhin ein paar hundert Teller die Coi-Küche verlassen, vier dabei seien, die er für gelungen erachte, sei er schon glücklich.

Ich bin anders als Patterson. Ich war mit mehr als vier Tellern glücklich, die mir in ansprechendem Rhythmus auf den Tisch gestellt wurden. Ich war mit dem Roederer-Champagner glücklich, den ich mir als Aperitif hinter die Binde kippte – das Coi war fußläufig vom Vitale, und in San Francisco gibt es anders als in L.A. eine funktionierende Taxi- und Öffiversorgung –, ich war überrascht von der Eleganz des Estate Chardonnays von der Scribe Winery, den mir der Sommelier zugeteilt hatte – er hatte mir bei der Frage nach etwas klarem, frischem, Außergewöhnlichem zuerst eine Flasche Heiligenstein vom Weingut Hirsch verkaufen wollen, die ich wegen Befangenheit ablehnte; ich liebe die Hirschen und ihre Weine, wollte jetzt aber etwas Amerikanisches, auch auf die Gefahr hin, dass mich Herr Hirsch jetzt für einen schlechten Patrioten hält –, und dann begann der Abend zu tanzen und zu schweben. Ich kostete braune Ricecracker mit einer göttlichen, in tiefste Geschmacksabgründe deutenden Avocadocreme, naschte die Eiskristalle vom gefrorenen Niabell-Traubensaft mit Meersalz, erfreute mich am mit kalifornischem Kaviar belegten, rohen Eidotter mit Creme fraîche und begriff schnell, was Trettl gemeint hatte: Allen Gerichten war gemeinsam, dass die Grundprodukte mit starken Kontrasten inszeniert wurden, das Dreieck aus Salz, Säure und Yummie lag jeder Konstruktion zugrunde.

Es kamen Sashimi von der Elefantenrüssel­muschel (ja!), die von Eiskraut, Radieschen und Rettich begleitet wurden, dann ein niedlicher Teller mit geschälten Cherrytomaten in Rot und Gelb, die sich um ein, sorry, wirklich geiles Püree von gegrillten Zucchini und Weizengrassaft versammelten. Es folgte ein Teller mit Mais in allen möglichen Aggregatzuständen, wobei der Sud, in dem die Polenta mit Kürbiskernen und Puffmais schwamm, vom peruanischen Küchenkraut Huacatay aromatisiert und von heiligem Ernst war. Der Lachs kam in einer Verpackung aus Yuba, einer aus Sojabohnen hergestellten Haut, japanische Spezialität, die ein Fischmousse in Form hielt, aus deren Mitte die Lachsschnitte herausleuchtete. Dazu, wieder ein Highlight, gegrilltes Weißkraut und eine Sauce von getrockneten Jakobsmuscheln (die es in Chinatown überall zu kaufen gab, ich hatte sie dort schon ausgiebig bewundert) und Ingwer.

Die Teller waren unprätentiös angerichtet und trotzdem (oder genau deshalb) von großer Schönheit. Die dünnen rohen Scheiben vom Matsutake-Pilz zum Beispiel beschatteten ein Püree aus Kartoffeln und Kiefernnadeln, das so ungewöhnlich wie herausfordernd schmeckte. Und das gekochte und gegrillte Lammkotelett lag (abgesehen von seinen eingeschlossenen, köst­lichen Fetteinlagerungen) unspektakulär neben den Mangoldstielen und -blättern, die mit Rosmarin und einer Garum-Fischsauce gewürzt waren, was wiederum den spitzen Kick gab, der allen ­Gerichten Pattersons eigen ist.

Es war eine Sekunde lang Pause, bevor als Prädessert dunkle Mochis aufgetragen wurden, die Erdbeeren und Kumquats umhüllten. Sie waren nur der Auftakt für einen Happen Moschusmelone mit ­Kokos und Zitronenaromen, bevor eine Rolle aus Pfirsichcreme in einem mit Mohn verzierten Filoteig sozusagen Amen sagte.

Als ich später langsam zurück zum Vitale spazierte, versuchte ich das Erlebte in eine Ordnung zu bringen. Es war mit Ansage großartig gewesen. Jedes Gericht war von der Ambition beseelt, an die Schmerzgrenze zu gehen, so viel Geschmack wie nur möglich in Balance zu bringen: Man muss sich das Kochen im Coi als Hochseilakt vorstellen, wie einen ­Seiltänzer, der ohne Netz in zwanzig Meter Höhe über die Zirkusarena marschiert, dabei aber nicht die gewohnte Balancierstange bei sich hat, sondern eine achtzig Kilo schwere Langhantel, vielleicht hat sie auch ­hundert. Das Paradoxe daran ist nur, dass die Eleganz der Bewegungen darunter nicht leidet, im Gegenteil.

Ich blieb noch ein paar Tage in San Francisco. Ich marschierte über die Golden Gate Bridge, bewunderte das eindrucksvolle M.H. de Young Museum von Herzog de Meuron im Golden Gate Park, machte den obligaten Ausflug nach Silicon Valley, bevor ich mich im Mission District festlief. Dieser Bezirk San Franciscos befindet sich nahe der Mission ­Dolores, dem ältesten Bauwerk der Stadt, und atmet die interessante, ­vitale Mischung von Geist, Spaß, Hedonismus und Optimismus, die das Leben an der Westküste so attraktiv macht und den Mission Bezirk im Besonderen. Ich drückte mich bei McSweeney’s herum, meiner Lieblingsliteraturzeitung aus dem Stall von Dave Eggers, unter dessen Dach David Chang auch das famos-abgedrehte Foodmagazin Lucky Peach herausgibt, kaufte bei der Buchhandlung „Dog eared Books“ ein, wo man am liebsten einziehen möchte, kaufte mir ein T-Shirt mit der Aufschrift „Good grammar is sexy“, wobei ich noch immer auf eine Gelegenheit warte, es einmal zu tragen.

Bei Bi Rite, einem Eisgeschäft, stieß ich auf die ­affichierte Aufforderung „Eat good food“. Das nahm ich ernst, auch wenn es in San Francisco oft damit verbunden ist, dass man sich lang anstellen muss. Ich stellte mich also in die Schlange bei Bi Rite, um ein super Erdbeereis zu kriegen. Ich stellte mich vor der Tartine Bakery in die Schlange, um ein herrliches Sauerteigbrot abzustauben. Ich stand sogar in der Schlange, als ich für das mit der Bakery befreundete Bar Tartine gerade noch einen Tisch für ein Abendessen ab halb sechs ergattert hatte (drei Seatings sind für die meisten Hütten in den USA überhaupt kein Problem).

Das Warten lohnte sich. Das Essen im Bar Tartine (das bald ein Redesign erleben und einen neuen Namen tragen wird) – einmal mehr „Farm to table“, der Independent-Mega-Trend dieser Tage – war sogar grandios, natürlich nicht so abgedreht wie bei Daniel Patterson, dafür sehr basic, nie ohne Twist. Stellt Euch ein großes Stück Sauerteigbrot vor, gut mit Thunfischcreme bestrichen und zuerst mit einem grob geschnittenen Tatar vom Rind und dann mit getrockneten Scheiben vom Thunfisch belegt. Groß! Geschmorte Okraschoten, gepresster und gegrillter Ziegenkäse mit Kräutern, Maiskörner mit Eierschwämmen und Portulak, gegrillte Karotten mit Kürbis- und Sonnen­blumenkernen und allen möglichen Salatsprossen, ein Brotsalat mit gebröseltem Ziegenkäse, Fleischbällchen mit Ratatouille. Alles gut, alles schön, alles so easy, wie man sich das Leben dort vorstellt, wo alle Mädchen Blumen im Haar tragen. Nur, dass die Blumen inzwischen eher auf den Tellern liegen als dass sie Hippielocken schmücken.

Ich streunte kreuz und quer durch den Mission District. Viele Hausmauern waren virtuos bemalt. Ich entdeckte ein paar Mal meinen alten Helden Carlos Santana, der – wie ich beim Studium einer entsprechenden Publikation herausfand – seinerseits ein alter Held des Mission Districts mit seiner Latinobevölkerung gewesen war und ist. Ich entdeckte ein Fresko von Chris Ware über dem von Dave Eggers gegründeten Writing Center für an­gehende Schriftsteller in der Valencia 826, und ich wäre absolut zufrieden mit dem Erdbeereis von Bi Rite und dem Sauerteigbrot der Tartine Bakery gewesen, wenn mir nicht ein Konfident zugeraunt hätte, dass der Japaner namens Ichi Sushi am äußersten Ende von Mission, dort, wo es keine Buchhandlungen, sondern Handyhüllen und Nagelstudios gibt, der totale Wahnsinn sei.

Er hatte sehr recht. Zwar ist Ichi Sushi für seine abgefahrenen und manchmal etwas kindischen Sushi-Kreationen bekannt geworden, aber im Schatten davon entstanden um­werfende Crossovergerichte. Ich aß Tsukemono, das im Haus eingelegte Gemüse, den Gurkensalat mit Miso-­Tahini-Dressing, Kyu Kushiyaki, in Sojasauce und Essig mariniertes und dann gegrilltes Rindfleisch, Buta Katu Niku Kushiyaki, saftige, appetitliche Stücke von der Schweinsschulter, Nasu Kushiyaki, eine großartige, mit Miso glacierte Aubergine. Ich aß auch scharfen Thunfisch und die Scholle mit Yuzu und Scheiben von der Meeresforelle mit Avocado (und natürlich auch ein paar der abgefahrenen Nigiri, jetzt einmal abgesehen von den begleitenden Köstlichkeiten von der Sake-Karte); aber das Gericht, das ich zweimal nachbestellen musste, war der mit weißem Miso lackierte Maiskolben. Das Nachbestellen war übrigens keine freiwillige Entscheidung. Die Mischung aus Süße, Salz und Finesse versetzte mich in Euphorie. Mein Geschmackszentrum schüttete verbotene Mengen an Dopamin aus, und ich konnte nicht anders, als seinen Befehlen („mehr davon, mehr“) zu folgen.

Derselbe Konfident mit seiner qualifizierten Neigung zum Crossover schickte mich übrigens noch nach Palo Alto, in das Epizentrum für die Zukunft jenes Lifestyles, von dem wir im Moment noch keine Ahnung haben. Palo Alto hat, außer dass Apple dort domiziliert ist und SAP ein Szenecafé mit erstklassigem WLAN unterhält, den Charme des Outlet-Centers von Parndorf (und im Wesentlichen auch dessen Funktion, nur mit etwas größerer Reichweite).

Genau dort, auf der Hauptstraße durch das Potemkinsche Dorf, sei eine Idee zu besichtigen, sagte der Konfident, die ich mir zu eigen machen möge; ich hätte schließlich so ein Unbekannter-Millionär-Gesicht, da werde es langsam Zeit für ein bisschen Realität. Gleich neben dem Apple-Shop, dem ersten der Welt wohlgemerkt, verkaufe ein gefinkelter Hispano-Japaner eine völlig neue Umami-Bombe, die halb Sushi, halb Burrito sei. Der Laden heiße der Ware angemessen Sushirrito, und auf genau diese Idee warte Europa. Er gehe davon aus, sagte der Konfident, dass ich ihn für den Tipp mit zehn Prozent an der Sache beteiligen werde. Einen Vorschuss fände er angemessen.

Vor dem Sushirrito wartete eine lange Schlange an Menschen. Es dauerte sicher zwanzig Minuten, bis ich an den beiden Köchen vorbeidefilierte, die wie am Fließband Thunfisch, Ananas, Salat, Avocadocreme und eine Menge Reis in jeweils einen Bogen Seetangpapier einschlugen und eine Tasche von der Größe eines Funkgeräts daraus formten. Die beiden waren mit Feuereifer bei der Sache. Der fertige Sushirrito kostete knapp zehn Dollar und war – mmh, ich muss zugeben, er schmeckte ziemlich gut, angenehm, yummie. Ich begann das Teil sofort zu untersuchen, zu fotografieren, zeichnete Grund- und Aufriss auf, bestimmte den Querschnitt und begann im Kopf das Verhältnis von Fisch, Reis und Saucen zu sortieren, neu zu bestimmen und über Zielgruppen und Standorte nachzudenken.

Ihr werdet von mir hören, Freunde. Ihr werdet von mir hören.