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Porridge, Pop und viel Gefühl

Suchen, finden, verwerfen, von vorne beginnen. Texte und Musik zu ihren Songs. Anna F, lost in Perfection, geht zumeist essen. Friedberg ist weit, Omas Apfelschlankel und Mamas selbstgebackenes Vollkornbrot. Nur Porridge rührt sie jede Früh, auch im Nightliner auf Tour.  
Ein Kochkurs wartet.    


Text von Ro Raftl · Fotos von Philipp Horak

Frühstück hält Nacht und Tag zusammen. Leimt Seele und Bauch, befestigt Zerbrechlichkeit an Bodenständigem. „Run out / watch out / careful don’t get hurt / crazy bitch / you’re sane in Friedberg“ hat Anna F. unterwegs zu sich selber getextet. Anna, 29, Worte und Musik im Kopf, glühend, ständig in Bewegung. Auf Tour. Im Studio. Als Coach von sechs Songcontest-Kandidaten. Auf Reisen. Zu Hause. Wo? Schon in Berlin, in dem Loft am Prenzlauer Berg, wo sie ihre Klamotten noch immer in Schachteln sortiert hat und stolz auf das erste eigene Sofa ist? Noch im oststeirischen Städtchen Friedberg, Letztstand: 2.766 Einwohner, wo sie Kind war und die Eltern leben? Friedberg, dessen Initial Fräulein Wappel zum Künstlernamen umfunktioniert hat, das sie als „Platz zum Runterkommen“ hymnisiert? Immer auch geflasht von Heimwehblitzen nach anderen Orten. Nach Graz, wo sie mit einer Freundin in Mariatrost in einer Art Geräteschuppen hauste, um unter einem löchrigen Dach in Anglistik, Italienisch, Geschichte, Literatur, Philosophie herumzustudieren. Nach Wien, wo sie im „Siebenten“ gewohnt, bei ATV als Sportreporterin gejobbt und gemodelt hat. Und als eigenständig ­impulsivsensible Singer-Songwriterin ein, zwei, drei Mal den Amadeus gewann. Anna on the road. Nur Frühstück gibt’s immer.

Porridge. Kocht sie meist selbst. Zeremoniell. „Die Flockenquetsche hab ich aus Friedberg mitgenommen, Dinkel, Roggen, Hafer bekomm ich vom Biobauern dort. Koch die Flocken mit Soja-, Kokos- oder Reismilch, bis der Brei weich und dickflüssig ist. Für den Geschmack geb ich zwei, drei Datteln dazu. Nüsse und Obst darüber, am liebsten Beeren, Heidelbeeren. Honig, natürlich bio, wieder aus Friedberg. Und. Ein paar Tropfen Öl, um die fettlöslichen Vitamine zu binden.“ Doch. Seit sie Chia-Samen entdeckt hat, diese megagesunden südamerikanischen, lässt sie auch die noch in einer ihrer Lieblingsmilchen („von Kuhmilch bekomm ich leicht Magenschmerzen“) zwei Stunden lang im Kühlschrank zu puddingmäßiger Masse quellen, und rührt sie dann in den Porridge rein. Ein wonnevoller Mix. „Dazu Cappuccino mit Sojamilch. Frischer Saft. Superlecker!“

Sogar im Nigthtliner auf Tour hat sich Anna mit dem Tontechniker zu morgendlicher Porridgelust vereinigt. „Dann nehm ich allerdings die Flocken von Alnatura. Und zerschnetzel das ganze Obst, das übrig bleibt im Backstage-Bereich.“

Na ja. Wenn man den Tag fast immer so gesund beginnt, darf’s manchmal auch ein Buttersemmerl sein. Ein weiches Ei, ein Apfelstrudel und Kuhmilchschaum am Cappuccino. Denn. Manchmal muss es einfach Kaffeehaus sein. Der Grüne Baum mit der großen alten Kastanie davor am Friedberger Hauptplatz, das Drechsler oder das Jelinek in Wien. Zusehends auch die Meierei in Berlin. Geliebt aus unterschiedlichsten Gründen. Am Grünen Baum und am Jelinek sind’s das kostbar altmodisch bissl abgefuckte Flair, die Stille, in der man Zeitung lesen und Texte schreiben kann. „Da ist es egal, wenn das Frühstück gar nicht so besonders ist, da geht’s um die Atmosphäre, die meisten Kaffeehäuser sind ja totrenoviert.“

Am Drechsler ist allein der Name – lebensverändernd – doppelt geheiligt. Denn. Als die wildlockige Anna vor zehn Jahren im Grazer Stadtpark spazieren ging, hörte sie Jazz-Groove-Sound, der ihr bekannt vorkam. „So funkig, so mitreißend, alle haben getanzt!“ War das Trio Café Drechsler. Und sein Mastermind, Schlagzeuger Alex Deutsch. Trommelwirbel. Schon am nächsten Tag skizzierten die beiden ihr erstes gemeinsames Stück. Von da an wurde täglich produziert. Konsequent. Musik. Nicht Mainstream. Harte Arbeit mit kreativen Spaziergängen. Time Stands Still. Liebeslogisch, dass sie den Text zu diesem Hit an der Wienzeile im Café Drechsler hingekritzelt hatte. Er brachte ihr eine Goldene Schallplatte, das Sponsoring einer großen Bank, den ersten Amadeus, den so genannten Durchbruch.

Time goes by. Jetzt lotst Anna sämtliche ihrer Berlinbesucher zum späten Frühstück in die Meierei. In der Kollwitzstraße am Prenzlauer Berg. Doch. Es gibt Brettljause und Schwarzbrot und Gugelhupf und Apfelstrudel.

Von Weitem grüßt die Großmama. Die Apfelstrudel-Chefin. Die sich bis heute nix helfen lässt. Weder beim Strudelteig, der bei der Anna-Oma als Apfelschlankel daherkommt – in der Topfen-Blätterteig-Variante allerdings und nicht als Mürbteig. Noch bei der Rahmsuppe, dem Schulterscherzl mit Kohlrabigemüse oder dem Schweinsbraten mit Rotkraut und Semmelknödel. Bei ihr durften die Enkelinnen Anna und Katharina immer nur genießen. Bei der Mutter war das anders mit der Küchenhilfe, schon aus pädagogischen Gründen. „Kathi mochte das, sie kann richtig gut kochen. Ihr Couscous über Gemüsesuppe gedämpft, ist legendär. Am Sonntag, hat die coole Mama eingeführt, soll jede von uns abwechselnd einmal für die Familie kochen. Hm. Bei mir waren’s meist Spaghetti.“ Anna sang. Ging mit Reinhard Mey, Bob Dylan, Joan Baez von den Platten der Eltern ans Eingemachte. Ans Bühne spielen mit Nachbarskindern, wobei sie Mikros mit Taschenlampen simulierten. Mit elf schrieb sie ihre ersten Lieder, nahm sie heimlich mit dem Kassettenrekorder der Eltern auf. „Aber!“, fördert sie ganz stolz auch eine häusliche Passion hervor: „Ich hab Torten und Kuchen gebacken, da war ich vielleicht acht. Ganz allein, wenn alle anderen fort waren. Schokoladenkuchen und Mohntorte. Mit Äpfeln und so saftig, dass die Nachbarn das Rezept haben wollten. Leider hab ich’s verloren, aber ich wurde mit Annas Mohntorte berühmt. Ja, wir hatten es gemütlich.“ Lacht. Elfenschön mit Schmollmund unter dunkel seidiger Haarflut, lustig verschmitzt wie ein Kobold im Lämmergehege. „Ich liebe Loriot“, sagt sie unvermittelt. Kaum hatte sie „gemütlich“ auf der Zunge, musste sie an ­seinen Sketch zum Thema denken. Anna mixt Hochdeutsch und Steirisch mit jungem Berliner Sound. Das Wort „mega“ mag sie besonders. Das passt überall hin. 

Na, na, kein Stargetue, nur drahtige Energie, wenn sie als „Queen in the Mirror“ ungeniert auf Jelineks Kaffeehaussesseln posiert. Anna hat Ameisen im Popo. Berlin durchpflügt sie mit dem Radl. Spielt Fußball im Park mit den Boys ihrer Band. Einmal im Monat kochen alle miteinander, laden Freunde ein, trinken guten Weißwein, viel, und spielen Werwolf bis fünf Uhr früh. Simulieren Sesshaftigkeit zwischen dem Raketenzischen im Dschungel des Showgeschäfts. Annas beste Freundin, die Saxophonistin Barbara Paierl, hat ihr ein Kochbuch geschenkt. Ihr neuer Produzent, Philipp Steinke, legte einen Kochkurs-Gutschein dazu. „Um die 30 verändert sich alles“, philosophiert Fräulein F.

Suchen, finden, verwerfen, von vorne beginnen. Sie ist verliebt. Und. Das erste Mal in einen, der gleich alt ist wie sie. Schlagzeuger auch. Gut, die haben den Beat. Aber. Wie hatte Anna immer geschwärmt, dass sie „nur ältere Knaben interessant finden kann, die was erlebt haben, Geschichten erzählen, Sicherheit geben“. Doch. Sie hat sich freigespielt: „Man muss sein Ding alleine durchziehen, ohne sich an anderen zu orientieren.“ Das fasst sie, auf ihre Musik bezogen – hängt ja immer eins am anderen – als Resümee aller Euphorien, Einflüsse, Einflüsterungen zusammen.

Ja, sie ist mit Lenny Kravitz befreundet, seit sie mit ihm auf Europa-Tournee war; ja, sie stand im Arthouse-Film „Invasion“ als Schauspielerin vor der Kamera; stellte für eine Arte-Doku mit drei anderen Jack Kerouacs Erfolgsroman „On the Road“ auf einer Reise durch Amerika nach und die hinreißendsten Videopostkarten ins Netz; ja, alles megacool; tüftelte in Brooklyn und LA mit hochprominenten Sängern, Songschreibern, Produzenten, um ihr Album „King in the Mirror“ zu behirnen. Viel zu laut, viel zu viele Stimmen. Schachmatt. Angst! Nicht mehr entscheidungsfähig. Nur so klar, um zu wissen, was sie NICHT will: simpel hitwärts zu kochen. Na, kein Rückzug nach Friedberg, doch immer wieder Anna-Tage, allein ohne Internet und Fernsehapparat in der Datsche eines Freundes im Grünen vor Berlin. Im Studio hat sie dann die Hälfte ihrer Texte weggeworfen und mit Produzent Philipp Steinke noch einmal formuliert, DNA, Lost in Perfection, Friedberg … In „Too Far“ erzählt sie von den Kämpfen, Sehnsüchten, Lasten aller Lieben auf Distanz. Den Leiden der Zugvögel. Auch damit ist  noch lange nicht Schluss.

Doch, natürlich hat sie das Tamtam um „King in the Mirror“ genossen. Egal, ob in Österreich, Deutschland oder in der Schweiz. Das italienische Überdrüber: „Witzig, neu gewöhnungsbedürftig, wenn dir Autogrammjäger nach der Show bis ins Hotel folgen, wenn du auf der Straße angesprochen wirst.“ Vor kurzem hat sie Friedberg auf Französisch eingesungen, für den Album-Release in Frankreich, nun kommt Polen dran. Also Yoga und Anna-Tage, wenn sie das Herzrasen überkommt.
Und ganz viel essen. Die zähe Zarte erklärt sich als leidenschaftliche „Allesesserin“. Von Mutter Ingeborg auf „gesund“ konditioniert: „Die meisten Zutaten hat die Mama vom Biobauernhof ihrer Freundin geholt, auch selber Brot gebacken, Vollkornbrot!“ Anna schnurrt, wenn sie an ihre Getreidelaibchen mit Porreesauce denkt. Versteht sämtliche Mama-Sorgen über töchterliches Gasthausessen, aber: „Im Berliner Osten kannst supergesund und megagünstig essen. Um zehn, fünfzehn Euro schon.“ Bei Vietnamesen, Japanern, und im „Donath“ jedenfalls, ihrem Leibitaliener: „Ein Punk betreibt das Lokal in einem ehemaligen Waschsalon. Manchmal ist er so besoffen, dass er mit den Sesseln schmeißt, aber die Atmosphäre ist einzigartig. Na ja, natürlich isst man im „Goldenen Hahn“ in Kreuzberg noch besser, Oktopus-Carpaccio, Tagliatelle Ragù, Spinatsalat, überhaupt ein Traum, doch das kostet.“

Anna, the Tramp, träumt vom Meer. Von den Fahrten im Campingbus auf den Peloponnes, damals, als Sommer noch Ferien hieß und nicht Open-Air-Konzert, von wildem Kampieren in wilder Natur, vom selber Fischefangen und Knuspriggrillen. Das kleine Steinhaus mit Terrasse, wo sie ihre Texte schreiben wird, hat einen festen Platz in ihrem Traum. Wenn sie den Grammy gewonnen hat und richtig reich ist! Dann. Hat sie auch den Kochkurs glanzvoll bestanden. Oder sie kann sich wen leisten, der Fische fängt und sie in Salbeibutter brät.