AlaCarte Logo

Keep Calm and Drink on

Es ist ja keine Neuigkeit, dass die... mehr


     A la Carte auf Facebook
    A la Carte-App auf iTunes

Notiere mir: Unangestrengt reisen

Ein Feldzug durch London, befeuert von und mit Doktor Henderson.


Text von Christian Seiler · Illustration von Markus Roost



Meine Reise nach London hat eine Vorgeschichte: eine Reise nach London. Bei der Vorgeschichtenreise ging es darum, pünktlich morgens um zehn im St. John-Restaurant zu sein, um dort gemeinsam mit meinem Verleger den Chef und Gründer des St. John, Fergus Henderson, zu treffen. Der Verleger hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, das Buch, das vielleicht noch um ein Alzerl berühmter ist als Fergus, nämlich dessen Kochbuch „Nose to Tail Eating“, auf Deutsch herauszubringen – ich möge, dekretierte der Verleger, dabei die Herausgeberschaft übernehmen.
Die Vorgeschichte wiederum hatte eine Vorgeschichte. Ich war nicht nur – wie Leser dieses Magazins gar nicht übersehen konnten – frequenter Gast im St. John gewesen, sondern hatte schon einmal ein paar extraterrestrische Tage mit Fergus Henderson verbracht, nämlich als ich ihn zu einem Symposium im Rahmen der Bregenzerwälder Genusstage eingeladen hatte, die ich gemeinsam mit Roland Velich und Peter Reinthaler veranstaltet hatte. Das war ein nachhaltiges Erlebnis. Fergus hatte eine beeindruckende Rede im Gemeindesaal von Hittisau gehalten, und er hatte sich auf genauso beeindruckende Weise für die gelungene Rede belohnt– mit Getränken, deren Farbe, sagen wir, verstörend waren und deren Kraft betörend, und mit Extraportionen von der Kalbsniere, die der große Jörg Wörther auf dem Grill zubereitete, als dieser – weiterer Höhepunkt der Veranstaltung – ein ganzes Bregenzerwälder Kalb verkochte. Damals hatte ich Fergus schon einmal zwischen zwei Drinks gefragt, warum sein Buch eigentlich noch nicht ins Deutsche übersetzt sei, und er hatte wahrheitsgemäß geantwortet, dass er für diese Frage nun ganz bestimmt der falsche Adressat sei. Wenn, dann solle ich ihn doch lieber fragen, ob er einen Port haben wolle – oder besser noch, zwei.

Das Buch, zur Erinnerung für all jene, die es noch nicht auf Englisch gelesen haben (und also exakt die Zielgruppe für die deutsche Ausgabe sind), ist ein Klassiker, ein „Kultmeisterwerk“, wie es Anthony Bourdain im Vorwort ganz richtig formuliert, ein „obskures Objekt der Begierde für Köche, Autoren, Kochbuchsammler und internationale Foodies“. Es ist das Substrat der Küchenphilosophie von Fergus, dem gelernten Architekten und Gründer des St. John, jener durchaus rustikalen Philosophie, die darauf zielt, dass der Respekt vor einem Tier gebiete, es von Kopf bis Fuß, from nose to tail, zu verspeisen. Man lernt darin Grundgerichte der englischen Küche kennen, Rezepte, die auf den ersten Blick erstaunlich, ja befremdlich klingen, aber sich bei näherer Betrachtung als großartig herausstellen.

Das Buch ist eingeteilt in die Kapitel Fonds, Suppen, Salate, Lammhirn, Fleisch, Konservierung, Fisch und Krustentiere, Gemüse, Dressings, englische Puddings und Bäckerei. Es präsentiert einfachste Kunstgriffe genauso wie durchaus anspruchsvolle Rezepte. Zu den einfachen Tricks zählt etwa das wundervolle Rezept „Wie man Radieschen isst, wenn sie am besten sind“. Dazu wird ein Bund Radieschen mit dem Grün gut gewaschen, abgetrocknet und mit einer Portion Butter, korsischem Meersalz und etwas Vinaigrette serviert: „Ein daumengroßes Stück Butter mit dem Messer auf das Radieschen streichen, salzen, dann essen. Das übrig gebliebene Grün in eine Schüssel geben und dieses, nachdem die Radieschen verzehrt sind, mit der Vinaigrette anmachen und als wunderbar pfeffrigen Salat verzehren.“

In den Fleischkapiteln erfährt man einiges über die richtige Zubereitung von Schweinskopf, von Kutteln, Zunge und Lammhirn, darunter so kostbare Rezepte wie jenes der getrockneten, gesalzenen Schweinsleber mit Radieschen und harten Eiern – keine schnelle Küche: die eingesalzene und gewürzte Leber muss zwei Wochen im Kühlschrank austrocknen. Ähnlich, nur ohne Leber, das „Selleriesalz mit harten Eiern“, bei denen das Gemüse und das Salz im Kühlschrank zwei Tage verbringen, um, wie Fergus Henderson sagt, „einander kennenzulernen“. Dann würzen sie für Ewigkeiten harte Eier auf ganz spezielle Weise.

So ist mir dieses Kochbuch ans Herz gewachsen. Radieschen essen, Wachteln braten, Zunge mit grüner Sauce kochen, und immer wieder den trockenen, smarten Humor von Fergus Henderson genießen, mit dem er sein heiliges Anliegen, eine Küche ohne Tabus zu führen, zu einer Selbstverständlichkeit erklärt – wenn auch nicht gerade zu einer leichten Angelegenheit, weshalb er als Epilog des Buches einen, tja, Magenbitter empfiehlt. Dieser trägt den Namen „Dr. Henderson“, und er wird in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen.

Zurück zur Vorgeschichte. Der Verleger, auf dessen Genschleife sich eine Neigung zur Überpünktlichkeit befindet, saß schon mit Fergus am besten Tisch des St. John, als ich knapp eine Viertelstunde zu spät in Smithfield eintraf. Eigentlich war bereits alles klar. Wir würden das Buch auf Deutsch herausbringen, und Fergus würde das gut finden.
„Port?“, fragte er.

So begann ein legendärer Vormittag im St. John, an dem wir von Port zu Weißwein, von Weißwein zu gebackenem Knochenmark mit Petersiliensalat, vom Knochenmark zu Oktopussalat und vom Oktopussalat zu Gesprächen über Architektur, kulinarische ­Moden und Kalbsbries wechselten.

Als das Mittagsgeschäft begann, hatten wir schon gegessen und machten unseren Tisch frei, wechselten in die Lounge – man darf sich diese nicht etwa besonders loungig vorstellen, sondern als nüchterne Reihe von Tischen und Frankfurter Stühlen, dort setzten wir das Gespräch fort. Trevor Gulliver gesellte sich zu uns, Fergus’ Partner und Geschäftsfreund, der sich als äußerst unterhaltsam erwies und seiner Bewunderung für burgundische Weine dadurch Ausdruck verlieh, dass er von der Weinverkostung, die in der Bar gerade stattfand, und deren Teilnehmer gerade mit einem am Stück servierten Spanferkel dafür belohnt wurden, dass sie seit elf Uhr Wein tranken, Restflaschen abzweigte und an sich und uns verfütterte.

Trevor erzählte auch ein paar Schnurren aus den Anfangstagen des St. John, als sich die öffentliche Meinung noch nicht konsolidiert hatte und der Genuss von Eichhörnchen- oder Krähenfleisch eher als Mutprobe denn als normales Abendessen bewertet wurde (was aus der Geschichte der britischen Küche jedoch nicht abzuleiten sei, warf Fergus mit erhobenem Zeigefinger ein), dann bekamen wir noch ein paar Imbisse, und Fergus verschwand, um sich ein bisschen auszuruhen, und als gegen 17 Uhr auch Trevor den Laden verließ, weil er noch irgendetwas zu tun hatte und darüber hinaus ernsthaft betrunken war, dachte sogar ich daran, jetzt vielleicht an die frische Luft zu gehen.

Aber der Verleger wies mich darauf hin, dass wir um 18.30 Uhr fürs Abendessen reserviert hätten, no doubt, same station.

Wir blieben. Gegen Mitternacht, nach vierzehnstündigem Aufenthalt, ging unser Arbeitsessen im St. John zu Ende, nicht ohne dass ich mit Fergus, der zwischendurch wieder aufgetaucht war, vereinbart hätte, beim nächsten London-Besuch, der unmittelbar bevorstand, vorbeizukommen und noch ein paar offene Fragen zu klären.

Ende der Vorgeschichte.

Als ich Fergus ein paar Wochen später besuche – es ist knapp halb elf, ich habe nicht gefrühstückt und freue mich auf ein brauchbares Volumen Kaffee –, ist die Kaffeemaschine kaputt. Fergus nimmt, wie er das bekanntlich gern um diese Zeit tut, ein Gläschen Port, das ich aber ­zugunsten eines Gläschens Wasser auslasse, man macht schließlich ungern einen Fehler zweimal.

Aber dann, beim Sortieren der Geschichte des Aufstiegs des Restaurants – „ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass wir jemals Auszeichnungen bekommen“, sagt Fergus. „Bedeuten sie dir was?“, frage ich. „Sie machen meine Mitarbeiter glücklich“, antwortet er diplomatisch. „Und wenn sie glücklich sind, bin auch ich glücklich“ – kommt unser Gespräch, keine Ahnung warum, auf den berühmten Cocktail namens Dr. Henderson, den Fergus in seinem Buch über den grünen Klee lobt.

Beim Dr. Henderson handelt es sich um eine Mischung aus Fernet branca und Crème de Menthe – das ist jener Pfefferminzlikör, dessen Farbe auf der Farbpalette irgendwo zwischen Maigrün, Signalgrün, Minzgrün und jenem leuchtenden Grün liegt, das vor aggressivem Gift warnen soll. Diesen Cocktail, der aus diesen beiden Bestandteilen zu gleichen Teilen zusammengerührt und auf Eis serviert wird, verdankt Fergus Henderson, wie er erzählt, dem Erfahrungsschatz seines Vaters, eines Architekten mit Neigung zum guten Essen. Der habe ihn gelehrt, dieses Getränk dann einzunehmen, wenn er es anderweitig übertrieben habe. Aber mit der Botschaft vermittelt Fergus auch die Warnung – in einer Körperhaltung übrigens, in der ich mir sofort seinen Vater vorstellen muss, als er dem Buben das Geheimnis überantwortete: Das Getränk sei so wirksam, dass es auf perfide Weise dazu einlade, auch ohne triftigen Grund genossen zu werden. In Fergus’ own words: „Don’t let the cure get the cause.“

„Okay“, sage ich ohne große Überzeugung.

„Hast du überhaupt schon mal einen probiert?“, fragt mich Fergus.

„Nein“, antworte ich ein bisschen beschämt, aber da gibt Fergus dem Kellner, der uns gerade mitteilen möchte, dass die Kaffeemaschine wieder funktioniert, ein Zeichen, ordnet die Herstellung eines Dr. Henderson an und lässt jede Hoffnung auf einen Morgenkaffee zerplatzen wie eine giftgrüne Seifenblase.

Lass dich nicht von der Farbe täuschen, sagt Fergus, als das, sagen wir es freundlich, unansehnliche Getränk serviert wird. Das dunkle Braun des Fernet hat sich mit dem Kunstgrün des Minzlikörs zu einer unbeschreiblichen Farbe vermischt, die am ehesten dem Wasser gleicht, das an einem Nachmittag angestrengten Aquarellmalens in dem Wasserglas entsteht, in dem man den Pinsel auswäscht. Der Kellner, ein harter Bursche, schaut mich mit seinem Aha-auch-ein-harter-Bursche-Blick an, bevor ich das Getränk ansetze und einen tiefen Schluck nehme.

Jo.

Warum nicht. Ich nehme noch einen Schluck.

Das Getränk ist verblüffend. Es montiert nur die positiven Eigenschaften beider Getränke, neutralisiert die deftige Bitterkeit des Fernet mit der Bonbonsüße des Likörs (und umgekehrt) und vermittelt dir den Eindruck großer Leichtigkeit, ohne deshalb ganz den paramedizinischen Subtext zu verlieren, der am Anfang der Sache stand: the cure.

„Vorsichtig sein“, sagt Fergus, der mein Lächeln richtig deutet, und mir fallen ansatzlos die berühmten Szenen aus zahllosen Patricia Highsmith-Romanen an, wo sich Figuren wie Tom Ripley oder Ray Garrett unfassbar viele stramme Cocktails mixen, lange bevor noch der erste Duft nach Essen aus der Küche strömt. Wenn man im Thriller „Venedig kann sehr kalt sein“ die Stadt also nur sehr verschwommen wahrnimmt, kann das durchaus auch daran liegen, dass die Figuren vor dem Essen schon sechs doppelte Gin intus haben, die sie beschönigend Martini-Cocktail nennen.

Ich nehme den Anlass wahr und unterhalte mich mit Fergus über Alkohol am Vormittag. Er hat da – das Gläschen Port funkelt in seinen Augen – keine Bedenken, wenn es nur die richtigen Getränke sind. Hier das Fazit:

Prosecco oder Champagner am Frühstücksbuffet: Nein.
Außer natürlich, man kommt mit Hangover zum Frühstück und braucht eine Stärkung – dann empfiehlt Fergus Henderson ein Mixgetränk, das sich aus zwei Dritteln Champagner und einem Drittel Guinness-Bier zusammensetzt und Wunder wirke. Nach der Durchschlagskraft des Dr. Henderson zu schließen, ist das einen Versuch wert (und begründet eine gegenseitige Wirkungsspirale, wer weiß).

Leider muss ich noch vor dem Mittagessen los, denn ich habe einen Tisch bei Heston Blumenthal. Fergus sagt nichts dazu, aber er gibt mir sicherheitshalber zwei, drei Tipps, wo man „auch unangestrengt“ gut essen kann. Notiere mir, noch immer beschwingt vom Genuss des Dr. Henderson, dass ich darüber nachdenken muss, was er damit meint.

Okay, wenn dir am Eingang zur Bar des „Mandarin Oriental“ in Knightsbridge der Mantel abgenommen wird und dein Platz an der Bar gezeigt, weil dein Tisch erst ab 14.15 Uhr reserviert ist, kannst du schon auf den Gedanken kommen, dass du wahrscheinlich nicht bis Mitternacht hier sitzen wirst. Aber sobald du am schönsten Tisch des eleganten Restaurants sitzt, Blick hinaus in den Hyde Park, wo ein paar „Reich & Schön“-Kids gerade ihre Fohlen ausreiten, überfällt dich wie ein Flash die Idee, dass es vielleicht ganz nett sein könnte, reich und schön zu sein. Das hier, denke ich mir, ist jedenfalls ein Ort, der diese Idee vermitteln kann. Aber dann kommt auch schon die Karte, und die bringt dich augenblicklich auf andere Ideen.

Wer schon in Heston Blumenthals Molekularküchentempel Fat Duck gegessen hat, wird spätestens jetzt enttäuscht werden (oder aufatmen). Denn „Dinner by Heston Blumenthal“, im Erdgeschoss des Mandarin Oriental in Knightsbridge situiert, folgt einer ganz anderen Spur. Blumenthal hat sich zur Aufgabe gestellt, historische Rezepte britischer Küche (von denen die ältesten bis ins 13. Jahrhundert zurückgehen) auf eine coole, zeitgemäße Weise neu zu interpretieren und schafft damit das Kunststück, ein Küchenkonzept anzubieten, dem man das Vorhandensein eines Konzepts auf den ersten Blick gar nicht erst anmerkt.

Bei der Vorspeise, dem Salamugundy, einem Rezept aus dem Jahr 1720, lernte ich erst einmal, was eine „Chicken Oyster“ ist – nämlich das feine, saftige Stück Huhn, das zu beiden Seiten des Rückgrats in kleinen Vertiefungen sitzt, wo es, weil weder Brust noch Schenkel, gern übersehen wird. Dieses Stück Huhn kam mit Schwarzwurzeln, Knochenmark und einer Meerrettichsauce, absolut grandios. Eine andere Vorspeise, diese ins Jahr 1660 datiert, kombinierte Froschschenkel, Eierschwämme, Fenchel und Knoblauch zu einem „Savoury Porridge“ und erwies sich als Gedicht. Auch die mit Earl-Grey-Tea gewürzte Lachsschnitte war von grandioser Konsistenz und tiefem, elegantem Geschmack. Der Kabeljau mit Apfelwein und Mangold war okay, vielleicht ein bisschen weniger spektakulär als erhofft, aber die exotisch gewürzte Taube mit Auberginen und Ale machte das wieder wett, und die gedämpfte Sellerie mit Parmesan, Morchelvinaigrette und geräucherten Walnüssen war der Hauptgewinn.

Zum Dessert kam der Eiswagen und ließ das kalte CO2 strömen, für kindliche Gemüter (also mich minus einem Dr. Henderson). Ich notierte mir: Kann nur empfehlen, das Mittagessen hier einzunehmen und der Empfehlung des Hauses zu folgen, drei Gänge für 38 Pfund zu essen. Günstiger ist Spitzenküche in London nicht zu haben.

Ich blieb eine Woche und machte Dinge, die man in London irgendwann machen möchte, aber meistens aufs nächste Mal verschiebt. Ich fuhr eine Runde mit dem „London Eye“, dem Riesenrad, dessen kleine Schwester im Wiener Prater steht, fürchtete mich ein bisschen beim Aufstieg und bedauerte beim Abstieg, dass wir schon wieder hinunterfahren (Notierte: Metapher!!!). Ich schaute mir ein Premier League Spiel in Craven Cottage an, der historischen Heimstätte des Fulham FC, und war begeistert darüber, über wie wenig, was auf dem Spielfeld geboten wurde, sich die Zuschauer enthusiastisch freuen können – ein Hauptgrund, warum es Lukas Podolski so gut in London gefällt. Ich lief sogar mit 62.000 anderen Irren durch Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, ließ mich mit der Puppe von Londons Bürgermeister Boris Johnson fotografieren und gebe seither damit an, ein Freund von Boris zu sein. Geht einwandfrei, mit Beweisfoto.

Aber wenn man Boris wirklich braucht, ist er nicht da. Als ich einer Empfehlung von London-Aficionados aus dem Burgenland folgen wollte und mich um einen Tisch im Chiltern Fire House bewarb, erhielt ich am Telefon folgende Antwort: „Danke für den Anruf, Sir, aber derzeit nehmen wir Bestellungen für September auf. Wenn ich diesbezüglich etwas für Sie tun kann …“ Es war Mai, danke der Nachfrage, und der Bürgermeister, dessen Foto ich in der Tasche hatte, wollte ums Verrecken kein gutes Wort für mich einlegen.

Stattdessen kroch ich einmal mehr in Yotam Ottolenghis Nopi unter, aß, was man dort essen muss, nämlich so viele Vorspeisen, wie man bekommen kann: eine köstliche Burrata mit Blutorange und Koriandersamen; eine schmelzende Aubergine mit Ziegenkäse und scharf eingelegten Walnüssen; eine gekochte rote Bete mit Dukkah und Dattelmelasse; köstliche frittierte Zucchini mit Kardamomjoghurt; einen Kuchen mit spanischem Blauschimmelkäse, der mit Haselnüssen und Thymianhonig zu einer Delikatesse veredelt wurde; ein doppelt gebratenes und gebackenes Huhn, saftig und würzig; den schwitzenden, grandiosen Schweinebauch mit Sake.

Nein, Hauptspeisen nahm ich keine. Aber auf den Trifle von Pflaumen und Crème de Châtaigne sollte man sicherheitshalber nicht verzichten.

Ein anderes Mal ließ ich mich von einer Fergus-Henderson-Empfehlung dazu verführen, in ein Restaurant zu gehen, das von außen so glitzy und posh aussah, dass ich normalerweise meinen Schritt beschleunigt hätte, um den arroganten Prada-Boutique-Blicken des Türstehers zu entkommen. Aber Fergus hatte gesagt, dass hier die Dim Sums akzeptabel bis gut seien – was für außerhalb Asiens, wie er richtig bemerkte, schon ganz schön viel ist.

Ich ging die entsprechende Spalte in der Speisekarte des Yauatcha entsprechend systematisch durch, bestellte alles an Dim Sum und wurde mit acht verschiedene Dumplings, würzigen, aber vollendet eleganten Fleisch-, Geflügel-, Fisch- und Gemüseteigtaschen belohnt.

 Manchmal, wie bei den Edamame-Taschen, sah der Teller so farbig aus wie bei einem Kindergeburtstag – doch es ist bekanntlich nie zu spät für eine glückliche Kindheit (so wie für einen Dr. Henderson, ging mir dabei durch den Kopf; das Zeug ist wirklich gefährlich). Während meines Essens in dem mit buntem Glas verkleideten Lokal, das empfehlenswerterweise am späten Nachmittag stattfand, stellte ich mir vor, wie etwas später die Horden der Schicken und Hochmütigen, zwischen denen ein unsichtbarer Zusammenhang besteht, hier einfallen würden – gleich schmeckte mir das Essen noch einmal so gut, weil ich dieser Dimension Londons einmal mehr durch geschickte Manipulation (Essen außerhalb der Essenszeiten) entronnen war.

Habe ich schon Fergus Henderson erwähnt? Er hat mir quasi im Vorübergehen auch noch ins Ohr geflüstert, dass ich, wenn mich mittags der Hunger plagen sollte, natürlich auch bei seiner Frau sehr gut essen könnte, die eine Cateringfirma und Hütte namens Rochelle Canteen betreibt, was mich – zum letzten Mal für diese Geschichte unter dem Einfluss des Dr. Henderson – zur Annahme verleitete, seine Frau heiße Rochelle. Dabei heißt Fergus’ Frau Margot (wie Honecker), und die Canteen befindet sich in einem ehemaligen Fahrradunterstand auf dem Gelände der ehemaligen „Rochelle School“ in Shoreditch, und ich möchte eigentlich nicht so gerne verraten, dass man, um dort Einlass zu finden, auf dem Klingelbrett neben dem Eingang in das mit Ziegelmauern umzäunte Schulgelände die Inschrift „Canteen“ finden muss, um dort anzuläuten und das befreiende Summen des Türöffners zu hören, nachdem man zweimal um den ganzen Gebäudekomplex gehatscht ist und sich so blöd vorkommt wie sonst nur, wenn man in einem Hotelflur steht und nicht mehr weiß, bei welcher Zimmertür man die unbeschriftete Plastikkarte vor das Lesegerät halten soll.

Das ist übrigens nicht meine erste Irritation an diesem Tag. Als ich anrufe und einen Tisch für ein spätes Mittagessen reserviere, macht mich der Herr, den ich am Apparat habe, sehr freundlich darauf aufmerksam, dass „Rochelle Canteen“ keinen Wein ausschenkt.

Bevor ich mir noch überlegen kann, ob ich das gut oder schlecht finden soll und warum mir der Kerl das überhaupt sagt – hat Fergus gepetzt? –, gibt mir die Stimme entsprechende Instruktionen: „Wenn Sie zum Lunch also etwas trinken wollen, müssen Sie die Flasche Wein oder Champagner selbst mitbringen. You’re welcome …“

Der Türöffner summt, und ich trete ein in ein urbanes Paradies. Doch, das kann man so sagen. Denn wenn das Wetter es erlaubt, also heute, zieht das kleine Restaurant aus dem ehemaligen Fahrradunterstand aus und platziert seine Tische und Bänke wie für ein Picknick im Garten, für den der Begriff „englischer Rasen“ erfunden wurde.

Zum Trinken gibt es große Pötte mit Limonaden, ich nehme anderthalb Liter Rhabarber-Ingwer, zum Essen wunderbare Salate, von denen wenigstens einige Bestandteile in den gepflegten Hochbeeten im Blickfeld des Gastgartens hochgezogen werden. Der Fisch ist einfach, aber grandios zubereitet – sowohl die Makrele als auch die Goldbrasse sind saftig und appetitlich –, und der Pfirsich-Crumble zum Abschluss ist nur das Ausrufezeichen unter ein wunderbares Erlebnis: mitten im Hipster-Quartier diese Privatheit und Ruhe, dieses Ausklinken aus dem Rhythmus der Stadt, einen Effekt, den man sonst nur durch den Genuss eines Dr. Henderson erfährt.

Losung für jetzt: Noch einen Kaffee und sitzenbleiben. Es wird nicht schöner – mhm. Könnte man an dieser Stelle ein Fläschchen Pouilly Fumé öffnen, würde das vielleicht auch noch positiv aufs Gesamterlebnis einzahlen, notiere ich mir angesichts der zahlreichen Stammgäste, die genau das tun und sich dazu die Schuhe und die Socken ausziehen.

Das Schöne und das Einfache treffen sich auf berückende Weise. Die Verwandtschaft in Stil und Form zwischen „Rochelle Canteen“ und dem „St.John“ ist bei aller Verschiedenheit nicht zu übersehen, und das ist mit das Beste, was man über einen Ort sagen kann. Wie nannte es Fergus: „Unangestrengt essen“.

Stimmt. Ich bleibe völlig unangestrengt sitzen. Mein Ehrgeiz zielt nur noch darauf, die letzten paar Krümel Pfirsich-Crumble vom Teller zu kratzen und nie so lange bewegungslos zu sitzen, dass ich mir am Ende noch einen Sonnenbrand einfange. In London. Lächerlich.

the complete nose to tail
von Fergus Henderson, Bloomsbury Verlag, 2012.
ISBN 9781408809167
www.bloomsbury.com