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Kreativkochtopf


Lederkorsetts für Lady Gaga und Karfiolzucht am Balkon. Hacken, schneiden, wässern, rühren, kleben. Hasenrücken und Gürtelschnallen. Am liebsten zu Hause essen, jeden Tag kochen, für Gäste gerne viele Gänge. Marina Hörmanseder, Handarbeiterin mit Köpfchen, lässt den Kreativtopf brodeln.

Text von Ro Raftl · Fotos von Bernhard Musil

Weil ich ein Mädchen bin … ist der mannshohe SMEG-Kühlschrank knallpink, die KitchenAid-Maschine knalltürkis, und auf der Fensterbank haust eine rosa-weiße Hello-Kitty-Kolonie: für Spargroschen die HK-Dose mit Schlitz, zum Windmachen der HK-Miniventilator, für Flüssiges die bauchige HK-Flasche, zum Tisch­decken das HK-Plastiktuch. Doch. Da hat sich nicht Lucilectrics Kesse-Lippe-Schlager verselbstständigt. Die Hello Kittys gehören zum Job der Designerin und Geschäftsfrau Marina Hörmanseder. Sind Auftragswerke für die japanische Lifestyle-Marke Sanrio.

Kreativer Lifestyle fordert jedoch mehr. Etwa den Spruch „Ein Tag ohne Schokolade ist möglich. Aber sinnlos“. Der pickt unter dem Poster einer Fotografie des Pop-Art-Künstlers Andreas Gursky: prall gefüllte Regale ­eines amerikanischen Billig-Supermarkts, vorne Süßigkeiten und Schokotafeln, jede um 99 Cent. Nur wenige Zentimeter Wand sind weiß in Marina Hörmanseders Küche. Alles beklebt. Mit Sprüchen von „je t’aime“ bis „Buy less, fuck more“. Oder behängt. Mit Fotos von Reisen, Tieren, Schmuck, Tattoos, mit Selbstporträts. Bobo-Schick heißt das in Wohnjournalen. Schließlich. Steigt man auch durch ein Jahrhundertwendehaus mit hellgrün lackierter Holzstiege und Wandverkleidung drei Stöcke hoch. Der Kreativkochtopf der Wienerin steht am Prenzlauer Berg in Berlin.

Here we are. Das Mädchen hat jetzt eine zartrosa geblümte Küchenschürze über Tüllbody und Schnallenrock aus der eigenen Kollektion gebunden, holt ein abgehäutetes Kaninchen aus der rosa Kühle, posiert für den Fotografen, auch ein Österreicher in Berlin, der gleich noch ein Video dreht, um danach gekonnt das Kaninchen in Stücke zu hacken und ruckzuck im Wok anzubraten. „Hach“, ruft sie, „darf ich auf Instagram posten, dass ihr von A la Carte bei mir seid?“ Die Konzentration auf das Kochwerk verliert sie nicht: schnipselt rasch und ohne Patzerei Gemüse klein, rührt Dijonsenf, Crème fraîche und Kräuter zur Sauce, brät Kartöffelchen knusprig und zack. Liegt ein Kaninchenlauf mit zwei Thymianzweigerln kunstvoll garniert auf dem Blümchenwiesen-Teller.

Hm. War das jetzt ein Teller von Villeroy & Boch oder einer von Zara Home? Denn. Zwischendrunter stapelt sich noch das Blütenblatt-Keramikservice in Altrosa, handgefertigt von einem Berliner Künstler. Der Fotograf balanciert das Stativ zwischen pastellfarbenen Küchensesseln – selbstgestrichen! – und Pinscher Peanut, der laut meldet, wenn es klingelt. – Brav! Arrangiert die Köchin schließlich zwischen drei, vier ihrer elf Karfiolbäumchen mit Großmutters Kochbuch: „Mein kostbarster Schatz! Bevor sie gestorben ist, hab ich sie gebeten, es mir zu vererben. Nachher. Fanden es die Verwandten in ihrem Schlafzimmer. Mit einem Zettel: Für Marina.“

Also Karfiol wie aus Omas Garten. Auch wenn die Enkelin schon manchmal berlinerisch Blumenkohl sagt. Sie hat ihn auf dem Balkon aus Samen gezogen. Da konnte ihr bester Freund Dawid Tomaszewski, ein Modeschöpfer und Make-up-Entwickler, noch so pessimistisch auf Facebook posten: Das wird nie was. Hihi! Sie isst ihn auch. Am liebsten so:
Riecht köstlich, das Kaninchen, weshalb sich die Assistentin, die Kaffee gekocht hat, und die PR-Agentin, die ordnungshalber vorbeigeschaut hat, wieder verziehen. Vermutlich zum Lunch. Gute Gerüche machen hungrig. Der Fotograf schleppt das Mädchen in die Weinhandlung ums Eck: „Schönes Gewölbe und das meiste bio!“, während das Stillleben „Kaninchen auf geblümtem Teller“ nur noch Pinscher Peanut interessiert. Nichts da! Resigniert rollt er sich zusammen. Unter dem Küchentisch, einem weiteren Produkt grenzenlosen Gestaltungswillens: Er ist mit Ausschnitten internationaler Magazine wild-bunt beklebt, die Oberfläche mit Tapetenkleister glatt poliert. Drauf türmt sich prall gefüllt eine Obst-und Gemüseschale, weiterer Krims-krams, eine gelbe Vase mit roten Tulpen, Tulpenservietten und Serviettenringe aus Leder mit Schnalle, dem mittlerweile international bekanntem Markenzeichen der Designerin Marina Hörmanseder.

Handwerkerin mit Köpfchen. Mit einem Magistertitel in Wirtschaft, einem abgeschlossenen Studium an der Berliner Esmod-Modeschule und vier Monaten Praktikum bei Alexander McQueen. In London und Paris, wo Tage und Nächte verschwammen beim Nähen, Wiederauftrennen, Nochmal-nähen, wieder, wieder, wieder dasselbe Stück. Oft hat sie die Zähne zusammengebissen und geweint. Aber durchgehalten. Das hätte bei ihren Eltern entschieden – der Vater CEO bei Mayr-Melnhof Karton mit Wurzeln in OÖ, die Pariser Mutter Konferenzdolmetscherin –, ihren Start in Berlin zu unterstützen, meint die Tochter. Jetzt ist sie stolz auf diese wesentliche Zeit. Und. Die Impulse bei McQueen, sich mit dem Korsett zu beschäftigen, haben sie über die Recherche an klassischen Renaissancekostümen zur Kunst des richtigen Stützapparats in der Orthopädie, zur Neuinterpretation des Materials Leder, zur Lehre bei einem Sattler geführt. Wo sie detailbesessen jeden Schritt der Lederverarbeitung lernte: wässern, formen, Kanten schleifen. Auch mit der Technik aller Verschlussmöglichkeiten experimentierte: Bänder, Schnürungen, Gürtel, Schnallen. Ausgefallen. Streng. Ja, geliebt von Fetischfreaks, die sonst oft nur im Sexshop fündig werden. Doch. „Persönlich habe sie damit nix am Hut“, erklärt die braunäugig Dunkelblonde. Deshalb mildere sie die Strenge längst mit Pastellfarben und Lieblichkeitsgarnierungen ab, zuletzt mit geblümten Dirndln, bunten Ledertaschen und Schmuck. „Alltagstauglich. Ich will Mode machen, die tragbar ist. Ich muss ja auch Geld verdienen.“ Zwanzig Leute werken in ihrem Atelier in Kreuzberg.

Jedenfalls. Als Marina Hörmanseder 2015 die Berliner Fashion Week eröffnet hat, stand Lady Gagas Chefstylist bei Fuß. Seither läuft’s rund: Rihanna hat bei Marina eingekauft, die Sängerin FKA twigs und Rapperin Eve; Hollywood-Schauspielerin Ellen Fanning trägt im Film The Neon Demon Lederkorsetts und -röcke; ein rotes Lederkleid der Herbst-/Winterkollektion 2015 ist neben Dior und Prada im New Yorker Fashion Institute of Technology ausgestellt. MH hat neue Uniformen für Austrian Airlines entworfen und auf der Post jedem was gebracht. Da ist ihr Markenzeichen, die Schnalle, am Rand gelb-schwarzer Seidentücher eingewebt.

Irgendwo versteckt es sich immer. „Kommendes Jahr“, sagt die Designerin, „haben wir 20 Kooperationen.“ Für jede muss ihr etwas Neues einfallen, auf jede muss sie sich anders vorbereiten. Die Social Networks vergrößern die Reichweite, Facebook und Instagram bringen die Show ins Haus und in die Büros der Stylisten. Marina ist Zwilling. Passt perfekt. Auch in der Jury bei Austria’s Next Top Model auf ATV.

Früh angelegt war das Sammeln, Basteln, Schneiden, Kleben, Nähen, Kochen. Keine Hörmanseder-G’schicht ohne die toten Hirschkäfer, die sie als Kind im Garten suchte, um Ketten aus deren winzigen Geweihen zu pitzeln. Oder das tote Wildschwein, das der Vater im Wald fand, dem er mit Marinas Hilfe die Hauer riss, um sie in Mutters Töpfen auszukochen. Zur Schmuckerzeugung frei von Fleischresten und von Blut!

Hm. Maman reagierte nicht so euphorisch, ebenso wenig, als Marina Tennisschläger, Schuhe, Bilder, T-Shirts, kurz AL-LES an die Wand des Kinderzimmers tackerte. Besser kam an, wenn sie in der Küche half. „Gerne. Selbst wenn ich nur untergeordnete Arbeiten machen durfte.“

Die Mutter zelebriert das Kochen und Essen. Wie ihr Selbstmanagement und das der Familie. Immer hohe Absätze, immer roter Lippenstift. Nie in Jogginghosen in den Supermarkt. Täglich Frühstück zu viert (Marinas Schwester habilitiert an der WU). Abends immer warmes Essen. „Mama fand es fürchterlich und schwer ungesund, dass es bei meinen Freunden nur kalte Platte gab. Dabei hab ich kalte Platte geliieebt!“ Und gar. Kosten, naschen, in den frisch gehackten Schinken für die Quiche Lorraine greifen. Ganz arg! „Dabei gibt’s doch nichts Besseres.“

Immerhin. Bekam Marina den hohen Anspruch an Mahlzeiten mit. Erstens: Bei Tisch essen und schön aufdecken. Zweitens: Zu einem „richtigen“ Essen gehören Vorspeise, Hauptspeise, Salat, Gemüse, Käse, Dessert. Das Sonntagsmahl kann bei Hörmanseders leicht von ein Uhr Mittag bis sieben Uhr Abend dauern. Mit all den kleinen Zwischengängen und Leckereien, mit Ape­ri­tif, passendem Wein, Kaffee und Digestif zelebriert – und schön angezogen: Der Papa trägt selbstverständlich Sakko.

Bei der oberösterreichischen Oma war alles ganz anders: „Sie hat die Schnitzel in der Pfanne auf den Tisch gestellt. Da konnte man die Erdäpfel noch ins Fett und in die Sauce eintunken. Bei den Eltern war es spießiger.“

Spießiger? „Ja, schon in Wien haben uns manche Freunde wegen dieser Essensrituale verarscht. In Berlin ist alles noch mal um einen Tick lockerer und informeller. Da wirst zu einem Abendessen eingeladen, und es gibt nur Bier. Oder es kommt der Pizzabote. Bestenfalls gibt’s eine Speise. Bist ganz schnell spießig, wenn du schön aufdeckst und mehrere Gänge kochst. Aber ich mag das, wenn ich Gäste habe.“

Sie kichert. Weil Maman ihre Rezepte für sich behält. „Beinhart. Geheim, geheim. Sagt seit je: Hab keine Lust, wenn ich wo eingeladen bin, meine eigenen Rezepte serviert zu bekommen.“ Also ist’s eine Ehre, dass sie den Lapin à la moutarde, den Senfhasen, weitergegeben hat, sogar extra probegekocht mit der Tochter, die regelmäßig in die Heimat fährt. Zusatz: „Geheimrezept ist das keines.“

Richtig zu kochen begann Marina, als sie mit 18 bei den Eltern auszog. Schauspielerin werden wollte. Hat ein Jahr am Konservatorium Wien studiert – und abgebrochen. Folglich hat sie der Vater „zum Wirtschaftsstudium verdonnert“. Dürfte der richtige Schubs gewesen sein, um ihre Talente und Vorlieben zu bündeln. Mode zu machen war ihr eigener Entschluss. In die Küche jedenfalls hat sie „Mutters Anspruch mitgenommen: Brat auch für mich allein ein ganzes Huhn, köchle Ratatouille, komponier Salate, esse Käse als Nachspeise. Fertigessen kommt fast nie auf den Tisch.“ Jetzt. Kocht sie abends und nimmt das Essen ins Büro mit: „Überbackene Schinkenfleckerln, Eiernockerln, da mach ich die Nockerln selber. Manchmal Gulasch. Natürlich experimentier ich auch mit diesen ganz modernen Sachen, lustig und spannend, da findest unglaublich viel auf Pinterest. Mein Favorit ist der rohe vegane Karottenkuchen.“

Gibt ganz wenig Sachen, die ich nicht esse. Bin so erzogen: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Eine Sache gibt es“, wispert sie: „Lakritze.“ Aber wer zwingt dich, Lakritze zu essen? Marina dreht einen Loop in die Fantasie: „Na ja, wenn ich einen Mann kennenlernen würde, der eine Lakritzfabrik hat …“

Einiges hat sie doch verändert: „Ich ess nicht mehr so viel Fleisch wie früher. Einmal pro Woche genügt. Dafür viel Fisch, gibt einen denn’s-Biomarkt in der Nähe. Lachs und Dorade – und sehr oft Forelle. Da schwingt Erinnerung mit: „Mein Vater ist Fischer, hat immer frische Forellen aus Hirschwang mitgebracht. Ich geb’ sie im Ganzen in Alufolie gewickelt ins Rohr. Oder kurz in die Pfanne und dann ins Rohr. Oder stopf Kräuter und Zitrone in den Fisch. Simpel. Wenn man gute Produkte hat, muss man nicht so viel Klimbim drumrum machen. Nie. Würde ich zu einem guten Angus-Steak eine dieser blöden Chilischokoladensaucen geben.“

Viele Feinheiten hat sie von ihrem Exfreund Alex Kumptner gelernt, als er noch kein TV-Star war und in der Albertina Passage kochte. „Wie man Béchamel macht. Schnell und schön Gemüse klein schneidet. Orangen- und Zitronenzesten. Er hat mir den ultimativen Zestenreißer geschenkt. Und erklärt, dass gute Messer das Um und Auf sind.“ Klar, bei der Lederverarbeitung auch.

Home, sweet home. Den Gegenpol zur taffen Geschäftsfrau und Label-Chefin findet Marina im Haushalt. Beim Kochen und Gästebewirten. „Bin gern das Hausweibchen. Zieh mich gerne sehr weiblich an. Dekoriere wahnsinnig gern. Zu Weihnachten. Zu Ostern. Das kann man sich vorstellen. Die Möglichkeit von bissl Heimweh trotz aller erwachsenen Tüchtigkeit auch. Auf dem Balkon wuchern Kräuter, Paradeiser, Karfiol, vielfarbige Margeriten wie im Küchengarten hinter einem Bauernhaus. Auf der Schiefertafel in der Küche stehen kleine Botschaften wie im Stammbuch, halt in Kreideschrift. „Die werden nicht gelöscht“, passt Marina höllisch auf. Die Eltern haben sie verfasst. Die Mama sorgt sich auf Französisch: Pass auf dich auf, mein Püppchen! Der Papa formuliert sein Lebensmotto humorig auf Englisch: „Wie isst man einen Elefanten? Du musst ihn in kleine Stücke zerschneiden.“

Karfiol im Ganzen
1 TL Kurkuma
1 TL Paprikapulver
½ TL Kardamompulver
Salz, Pfeffer
3 EL Kokosöl
1 Karfiol
Knoblauch
3 EL Tahini
Koriander, Petersilie
2 EL Pinienkerne
2 EL Granatapfelkerne
Kurkuma, Paprika, Kardamom, Salz und Pfeffer im Kokosöl schmelzen. Karfiol damit bestreichen, auf ein mit Backpapier belegtes Blech stellen und ca. 50 Minuten im auf 200 °C vorgeheizten Backofen garen. In der Zwischenzeit Tahini, Koriander und Petersilie vermischen. Karfiol aus dem Ofen holen, mit dem Tahini-Kräuter-Gemisch bestreichen und mit Pinien- und Granatapfelkernen garnieren.

Senf-Kaninchen „Lapin à la moutarde“
10 Schalotten
Knoblauchzehen
2 Thymianzweige
1 Lorbeerblatt
1 Kaninchen
5 EL Dijonsenf
2 Becher Crème fraîche
Petersilie
evtl. Weißwein
Kartoffeln, lila Kartoffeln
Karotten
Butter
Schalotten in Öl anbraten, ein paar ganze Knoblauchzehen, Thymianzweig und Lorbeerblatt dazugeben. Das Kaninchen in Stücke schneiden, mit Senf einstreichen und in der Pfanne mit den Schalotten erhitzen und anbraten. Wenig Wasser oder Weißwein dazugeben, Deckel auf­legen und köcheln lassen. Crème fraîche unterrühren. Ein paar Minuten köcheln lassen und mit gebratenem und in Butter geschwenktem Gemüse servieren.