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Insel der Genießer


Sizilien, die „Schatzinsel“ der Gegensätze – landschaftlich und kulinarisch.


Text von Helga Baumgärtel     Foto: Getty Image

Dass ich Sizilien gesehen habe, ist mir ein unzerstörlicher Schatz für mein ganzes Leben“, begeisterte sich Johann Wolfgang von Goethe im Frühjahr 1787. Der Geheimrat war bei seiner großen Italienreise auf der Insel gelandet. Er schwärmte von Palermo, dem atemberaubenden Sonnenuntergang vor Taormina, und bestieg – als Abenteuer-Zuckerl – am 5. Mai auch noch den Ätna.

Ätna, Mongibello, Monte Rosso, Djebel bei den Arabern – der „Zauberberg“ Siziliens hat viele Namen. Mit über 3.200 Metern ist er der höchste und leider oft noch tätige Vulkan Europas. So etwa im Frühjahr 2017! „Unser Berg ist eben eigenwillig“, sagt Ettore, der Bergführer, der uns zum Ätna bringen soll. „Und unberechenbar. Manchmal schweigt er für Jahre, dann wieder gibt es Eruptionen im Stundentakt.“ Ettore ist einer der fünfzig Bergführer in Nicolosi, die Touristen in ruhigen Perioden auf den Berg führen. Im Winter sind Ettore und seine Kameraden Skilehrer auf den Schneefeldern des Ätna.

Seit der Antike sind die Menschen hingerissen vom Zauber des Ätna und der Insel, die sie magnetisch in ihren Bann zieht. Griechen, Araber, Normannen, Franzosen, Spanier, fast ein Dutzend Kulturen haben auf der größten Insel im Mittelmeer in zweieinhalb Jahrtausenden ihre Spuren hinterlassen – auch kulinarische. Die Griechen etwa, die schon 500 Jahre v. C. die ersten Oliven- und Rebstöcke gepflanzt, Honig und den salzigen Ricotta auf die Insel gebracht hatten. Aus Griechenland stammen auch die Cuddureddi, kleine, mit Feigen gefüllte Kuchen, die zu Weihnachten auf keinem Familientisch fehlen dürfen. Dann kamen die Römer, die 700 Jahre lang das Inselleben bestimmten. Aus ihrer Zeit stammt das Maccu, ein Püree aus Saubohnen, aromatischen Gewürzen und Fenchel, das man heute noch bei den Bauern in der Inselmitte findet.

Die besten aller kulinarischen Zeiten aber läuteten die Araber auf Sizilien ein. Die brachten Couscous, Auberginen, Gurken, Reis und viele exotische Gewürze. Und das berühmte Weihnachtsgericht Siziliens: tummàla – eine Reis-Timbale mit Huhn, Kalb, Eiern und Käse, dessen Ursprung auf Mohammed Ibn Thummah, den Emir von Catania zurückgeht.

Hätte es die Villa Paradiso dell’Etna zu Goethes Zeiten schon gegeben, er wäre sicherlich dort abgestiegen. Das Boutique-Hotel zu Füßen des Ätna ist ein richtiges Paradies. Morgens von der Frühstücksterrasse aus sieht man schon die rosaroten Wölkchen, die der Berg – in ruhigen Zeiten – um sein Haupt schweben lässt. Im Paradiso luncht man entweder unter Palmen und Zitronenbäumen im Park oder genießt am Abend im hoteleigenen Restaurant La Pigna die vorzügliche nuova cucina siciliana.

Wer lieber hinunter will, nach Catania, lässt sich mit dem Shuttle zum Domplatz bringen. Nur wenige Meter vom Dom entfernt steht das Barocco, ein zauberhaftes Bed & Breakfast-Hotelchen mit eleganten Zimmern in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Ebenfalls nur wenige Schritte vom Dom entfernt lockt der berühmte Fischmarkt. Und so kann man dann im Schatten des Doms im besten Fischrestaurant der Stadt, dem Ambasciata del Mare speisen. Dazu genießt man den Insel-Wein, gekeltert aus Reben wie Catarratto, Carricante oder Grillo, der erst in der jüngeren Neuzeit auch bei uns zum Verkaufsschlager geworden ist. Die Qualitäten sind hervorragend, nicht nur von renommierten Weingütern wie Tasca d’Almerita, Donnafugata und Planeta.

Nur drei Kilometer von der Villa Paradiso entfernt liegt übrigens das Weingut von Giuseppe Benanti, dem Star der Weinmacher am Ätna. Benanti war ein erfolgreicher Pharma-Unternehmer, bevor er das Weingut der Familie übernahm und begann, auf den steilen Lavaböden des Ätna erstaunliche Weine zu keltern. Zusammen mit seinen Söhnen Antonio und Savino kultivierte er die verwilderten Rebterrassen mit uralten Rebsorten wie dem Nero d’Avola, der hier auf bis zu 1.000 Metern Höhe genussreiche, mineralisch feurige Noten bringt.

Von Benanti bekamen wir auch den Tipp: Fahrt hinunter nach Taormina, zu Pietro d’Agostino in sein Restaurant La Capinera. Pietro ist einer der besten Küchenmeister der Insel. Sein berühmtes Meerescarpaccio würzt er mit Zitrusessenzen, dem berühmten Salz der Insel Mothia und nativem Olivenöl; die Entenbrust karamellisiert er mit Kastanienhonig – der Guide Michelin vergab dafür einen Stern.

Und nun weiter nach Ragusa, der gastronomischen Hauptstadt der Insel. Gleich zwei 2-Sterne-Restaurants beherbergt die kleine Barockstadt. Zum einen das Duomo, wo seit Jahren Ciccio Sultano meisterhaft den Kochlöffel führt. Pasta con le sarde – Nudeln mit Sardinen – gibt es überall auf der Insel, bei Ciccio ist sie ein Highlight. Im Herzen der Barockstadt, im historischen Ortsteil Ibla, befindet sich das zweite 2-Stern Restaurant der Stadt: die Locanda Don Serafino. Vincenzo Candiana kocht dort feinste sizilianische Gerichte, berühmt ist seine Fischsuppe. Im Keller warten 1.000 verschiedene Weine. Und wer nach einem opulenten Mahl dort übernachten möchte: Zur Locanda gehört auch ein Boutique-Hotel.

Quasi vor den Toren Ragusas ragen die Türme von Schloss Donnafugata auf – der Kulisse für Luchino Viscontis Der Leopard, den er hier nach dem gleichnamigen Buch von Tomasi di Lampedusa gedreht hatte.

Wer die Einsamkeit liebt, ist bestens in der kleinen Tenuta Stoccatello aufgehoben. Wenige Kilometer vom Weingut der Planetas in Menfi und den Tempelanlagen von Selinunt, mitten in der „Pampa“, liegt der 18-Zimmer-Agrotourismus-Betrieb. Klimatisiert, mit Swimmingpool und Wellness-Center. Bed & Breakfast, je nach Saison von 60 bis 110 Euro. Nicoletta und Giuseppe Barcellona, der Küchenchef, sind perfekte Gastgeber. Wer der Einsamkeit überdrüssig wird, fährt weiter zum Giardino di Costanza, einem 5-Sterne-Luxushotel mit perfekter Küchenleistung und sensationell bestücktem Weinkeller mit den erlesensten Tropfen der Insel, darunter auch Marsala aus dem gleichnamigen Örtchen, nur einen Mövenschlag vom Hotel entfernt.

Den süßen Marsala-Wein hatte ausgerechnet ein Engländer entdeckt. Während der Herrschaft ­Napoleons über Europa konnten die Engländer zu ihrem Leidwesen nicht ihren geliebten Portwein importieren. John Woodhouse fand einen Ersatz im Marsala, der ihn schließlich auch zum Millionär machte.

Und nun hinauf nach Palermo zum Dom, der eindrucksvollen Cattedrale, deren Ursprünge bis zurück ins 11. Jahrhundert reichen. Im Inneren sind schlichte Sarkophage des Normannen-Kaisers Friedrich II. und der königlichen und kaiserlichen Familien aus glänzendem Porphyr zu bestaunen. Und weiter zum Vucciria-Markt, dem buntesten, lautesten und sinnesfrohsten Palermos. Rings um den Markt Dutzende kleine Restaurants und Weinbars mit Spezialitäten Siziliens. Wer etwas ganz Besonderes sucht, dem sei die Antica Focacceria San Francesco empfohlen. Das Restaurant gibt es seit 1834. Volkstümliche Küche ist hier angesagt, und wer will, kann viele der Speisen auch mit nach Hause nehmen, die Pasta Chi Sardi, Nudeln mit Sardinen und frischem wilden Fenchel, ist alleine einen Besuch wert.

Wen wundert es, dass die ­Pasta ebenfalls ein kulinarisches Kind der Araber ist?

Aber Sizilien hat sie zur Vollendung gebracht. Handgefertigte sizilianische Nudeln, besonders jene aus Agrigent waren ein gesuchter Exportartikel. Faszinierend, die Nudeldreherinnen: „… die Nudeln fabrizierten, und zwar von der feinsten, weitesten und kleinsten Sorte, davon diejenigen am teuersten bezahlt werden, die, nachdem sie erst in die Gestalt von gliedslangen Stiften gebracht sind, noch von spitzen Mädchenfingern einmal in sich selbst gedreht, eine schneckenhafte Gestalt annehmen.“ Von wem diese Beobachtung wohl stammen mag? Natürlich von Goethe.

Villa Paradiso Dell’Etna
www.paradisoetna.it

Barocco
www.baroccocatania.it

Ambasciata del Mare
www.ambasciatadelmare.it

Giuseppe Benanti
www.vinicolabenanti.it

La Capinera
www.ristorantelacapinera.com

Duomo
www.ristoranteduomo.it

Locanda Don Serafino
www.locandadonserafino.it

Tenuta Stoccatello
www.tenutastoccatello.it

Giardino di Costanza
www.giardinodicostanza.it

Antica Focacceria San Francesco
www.anticafocacceria.it