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Heimweh, wellig paniert!

Nora Marie-Theres Beatrice Elisabeth Waldstätten. Badner Madel, Schauspielerin, wohnhaft der Karriere wegen in Berlin. Der Herd war immer der sicherste Ort in fremder Welt. Kochen (und Essen) eine frühe Passion. Wienerschnitzel backen kann die Grünäugige mit dem Schlankheitsgen, seit sie zehn ist.


Text von Ro Raftl · Fotos von Philipp Horak


Verfressen. In gelöster Anmut. Ohne Gier oder Hast. Zierlich, geschmeidig, wie edle Perserkatzen. Eine Baronesse hat selbstverständlich Tischmanieren. Nora von Waldstätten hat noch mehr. Nicht nur diese Ur-Ur-Ur-Großmutter Elisabeth, die Mozart verehrt und gefördert, und ihm zu einem roten Frack und einem opulenten Hochzeitsessen verholfen hat, auch das Schlankheitsgen im Stammbaum. „Die ganze Familie hat es“, sagt die zarte Schauspielerin: „Ich kann essen, was mir taugt.“ Ein absolut neider-regendes Erbe.

Stop! „Natürlich ess ich nicht permanent Blödsinn. Nur selten Chips oder Schokolade.“ Aber. Thunfisch mit Avocado, und ein bisschen Tatar vom Lachs, ja, und die Jakobsmuschel-Sashimi muss Nora auch probieren, da sie dem gegrillten Oktopus nichts abgewinnen kann. Auch dem Wein nicht. Weder mit fruchtigem Weiß aus dem Südsteirischen noch mit sattem Rot aus Neusiedlerseeland kann man sie locken. Tee wäre denkbar. Omi Waldstättens Tee. Schönbichler verkauft noch heute ihre Mischung: ein Drittel Earl Grey, ein Drittel Ceylon Orange Pekoe und ein Drittel Lapsong Souchong.

Doch wir essen bei Umar am Naschmarkt. Also lässt Waldstätten die Vorspeisenfische in ein, zwei, drei Fläschchen Mineralwasser schwimmen, fröhlich fit für die mächtige Platte mit dem saftig zarten Steinbutt, den grellorange aufgetürmten Carabineros Gambas, den wie absichtslos dazwischen gespreizten rosaroten Königskrabbenbeinen und die Extras: frischer Blatt-spinat, Mangold, Kartoffeln, getrüffeltes Püree. Mmmh . . . Sie gräbt elegant die Backerln aus dem Steinbutt und inspiriert sich für ihre Ode ans Essen und Kochen.

Nein, und ich nehm jetzt nicht vorweg, dass sie ein paar Stunden später eine ganze Portion Gulasch verputzen wird. Selig nostalgisch, denn mit Gulasch ist sie aufgewachsen. Wie mit dem Tafelspitz, dem Wienerschnitzel, dem Semmelknödel, dem Kaiserschmarren. Halb in Wien und halb in Baden, als Dritte von vier Kindern. Der Vater Chemiker, die Mutter Hausverwalterin, ja, ja, und schon Nachfahren alten Adels, aber ohne dessen Personal. „Wir Kinder haben natürlich im Haushalt mitgeholfen, und die Mammi mit den ungarischen Ahnen hat immer gerne und sehr gut gekocht. Ihr Paprikahendl mit Nockerln ist legendär! Ich habe es geliebt ihr zu helfen, kaum dass ich übern Arbeitstisch schauen konnte. War noch nicht zehn, als ich gebettelt hab, für Gäste den ersten Gang zubereiten zu dürfen: Hühnerbrust mit Apfelscheiben, Rosmarin, Salz, Pfeffer und dem Saft einer Orange. Sie hat es erlaubt und mir assistiert.“

Kein Mäderl mit Sandwichsyndrom zwischen drei Geschwistern. Zur Küchenrolle kam der Spitzentänzertraum, als Nora die junge Silvia Seidel in der Ballettserie „Anna“ als höheres Wesen wahrnahm. Worauf sie als Schneeflocke das Badener Stadttheater bezauberte, doch nach der ersten Mini-Sprechrolle neu entschied: Schauspielerin!

Matura. Klar. Danach nahm die 18-Jährige ihr Leben in die Hand und zog mit einem Koffer nach Berlin, wo sie die Schauspielschule an der Akademie der Schönen Künste ohne die Argusaugen einer weitläufigen Verwandtschaft absolviert hat. Allein, und anfangs ein wenig einsam. „Die erste Zeit hab ich täglich einen Erkundungsgang durch die Stadt gemacht, viel gelesen und gekocht.“

Der Herd als sicherer Ort in ihrer neuen Welt.

„Damit ging’s los“, sagt die Schöne, Wohlerzogene lebhaft, „mich einzuarbeiten, auch für Freunde zu kochen, und mich an Kochbüchern zu inspirieren. Obwohl ich nicht nach Rezepten koche, deshalb bin ich auch keine gute Bäckerin. Gibt aber nix Lustigeres als mit Künstlerkollegen über Kulinarisches zu diskutieren, die meisten kochen gern und gut. Aleksey Igudesman zum Beispiel geigt und dirigiert und komponiert nicht nur furios, mit ihm kann man auch stundenlang über das Carpaccio von der roten Rübe reden, und über Essigessenzen.“

Die Eltern Waldstätten waren natürlich besorgt, doch da sie wohl wussten, dass das Kind auf sich aufpasst, ließen sie Nora ziehen. Das hat sich bewährt. Sie debütierte am Deutschen Theater in Berlin bei Regisseur Nicolas Stemann in Elfriede Jelineks wüst-komischer Textfläche „Über Tiere“, nach polizeilichen Abhörprotokollen eines Wiener Callgirl-Rings. Ach, so vertraut, diese wienerischen Zwischentöne! Fünf Jahre blieb das Stück am Spielplan und Nora hat es
immer geliebt.

Privates lässt sie bis heute privat. Adel verpflichtet. Wie die Ernsthaftigkeit einer Schauspielerin, die mit dem „Boulevard“ nix am Hut hat. Bis zum Durchbruch der Baronesse mit den eiskalten Augen in den Wohnzimmern, bis zu Waldstättens Performance als intrigante Eliteschülerin Viktoria in dem Tatort „Herz aus Eis“. Kein Interview mehr ohne Hommage  an Noras schräge grüne Katzenaugen. Nach dem Film „Schwerkraft“ völlig verständlich: Im Großformat so geheimnisvoll in sich selbst verloren zu schauen wie Nadine in der Schlussszene konnte schon lange keine mehr vor ihr. Waldstätten bekam den Max-Ophüls-Preis als Beste Nachwuchsschauspielerin, und der Charakter ihrer nächsten Rolle, der Pia in „Tangerine“ war unter marokkanischer Sonne neuerlich kaltegozentrisch angelegt. Er führte Nora weiter, zu Olivier Assayas und auf den roten Teppich von Cannes ­ als Magda Kopp, Ehefrau des Terroristen Carlos, genannt der Schakal. Höriges Opfer und Täterin zugleich, aus spießig bayerischen Verhältnissen. Eine Figur, die im Verlauf der Geschichte auch einigen Mut zur Hässlichkeit verlangt.

Selbstverständlich kein Problem. Die 32-jährige Nora hat die Entschlusskraft des kleinen Badner Madels akzentuiert. Weiß, was sie will. Geht sorgfältig mit ihrer Arbeit und mit sich selber um.

Rauchfrei. Auch das noch. Die Baroness seit einem Jahr und 25 Tagen. Umarfisch am Naschmarkt, die Omega-3-Apotheke für Schöne, Reiche, Wichtige, Gemütliche, ist’s seit vergangenem Sommer. Hinterm Rücken des Marlboro-tschickenden Chefs, sprach das Personal sein Machtwort, als er grad daheim in der Türkei war. Riecht bei Umar nur noch nach Süden, wo im Freien gegrillt wird, nach Olivenöl, Rosmarin, Pfeffer und den frischesten Fischen, Muscheln, Meeresfrüchten, in allen Stadien zwischen eisgekühlt und ofenheiß. Mischt sich mit fruchtigem Weinodeur und dem bitterwürzigem Kick der koffeinen Auspuffwolke, wenn die Espressi und Macchiatos in die Tassen zischen. Vor der Tür unterm Dach glühen Heizstrahler mitleidig auf die Rauchenden herab.

Wir sitzen im Warmen und der Wiener Stern, der in Deutschland bekannter ist als in Österreich, zeigt milde stolz seine persönliche Bilanz auf der (Gratis-)App „Rauchfrei“. Die bilanziert täglich, was Nora ihrem Körper und ihrem Geldbörsel erspart. Sie schwärmt feurig, „wie toll es ist, den Absprung zu schaffen“, den sie während einer Grippe probte. Klar, die ersten Tage waren schwer: „Der Körper weiß nicht, was mit ihm passiert, die Synapsen wundern sich, aber ich hab beschlossen, weiterzumachen und Rauchen als Option einfach ausgeschlossen. Hab keinem was gesagt, gewartet, wem’s als Erstem auffällt. Und mich dabei völlig neu entdeckt. Beim ersten Casting ohne Zigarette, bei der ersten Theatervorstellung, der ersten Drehbuchbesprechung, dem ersten Dreh: Der Klassiker, weil man so oft so lang warten muss und beim Standby ständig raucht.“ Die Mammi hat ihr vor Jahren das Buch „Der fröhliche Nichtraucher“ von Alexander von Schönburg geschenkt, wunder­bar, denn die Tochter setze alles dran, fröhlich zu bleiben, niemanden zu missionieren, nicht militant gegen Raucher vorzugehen, auch in der eigenen Wohnung nicht. „Spannend“, sagt Nora, „sich noch einmal anders kennenzulernen. Und schön, dass dir nach einer Weile nix mehr fehlt. Dass du alles hast, was du brauchst – nämlich Dich selbst.“

Tja, vorausgesetzt, dass man sich liebt.

Nora von Waldstätten scheint sich zu mögen.

Wenn sie sich mies fühlt, leer oder heimwehkrank, wälzt sie ein Kalbschnitzel in Mehl, Ei und selbstgeriebenen Bröseln, drückt die Panier nicht zu fest, damit sie im heißen Fett schön wellen kann und bäckt ihre Wiener Droge in einer Mischung aus Butter- und Schweineschmalz heraus. Tröstliches Tun. Beschrieben in einer Dinner for One-Kolumne im Zeitmagazin. Wow! Wie sie dazu kam? Zufällig. War mit einer Freundin in diesem tollen Feinkostladen Goldhahn & Sampson am Prenzlauer Berg, kaufte das tausendste Kochbuch, begann im nächstgelegenen Café sofort darin zu schmökern und es zu analysieren. „Neben mir saß ein Mann, der immer näher rückte und meine Freundin tuschelte schon ,Was das denn?‘, doch er entschuldigt sich prompt mit „Zuhören und ob ich Lust hätte, im Zeitmagazin zu schreiben?“ Sie lacht, weil’s wirklich kein Schmäh war. Mit Chefredakteur Christoph Amend traf sie sich ein paar Wochen später und hat vereinbart, so oft zu schreiben, wie es geht. Mitten im Dreh sei das nicht machbar. Weil sie oft dreht, wurden’s seit dem Start 2011 nicht so viele Kolumnen, wie sie gemocht hätte: „Denk, eine monatliche Deadline wär doch ganz gut. Jetzt wollen wir diesen neuen Ansatz wagen.“ Schließlich habe sie sich in aller Demut auf ein neues Feld getraut. „Versucht, über eine Speise, zum Beispiel Schinken-Käse-Toast, Erbensuppe, Tiefkühllachs, Spaghetti Bolognese, gefüllten Schweinebauch, eine Episode aus meinem Leben zu entwickeln , die ich sonst sicher gar nicht erzählt hätte. Witzig, Resonanz aus anderen Ecken als beim Spielen zu bekommen. Ich muss dann immer schmunzeln.“

Nora sagt wirklich „schmunzeln“, dieses nette altmodische Wort. Und ja, sie hat in der opulenten Serie „Das Adlon“ gespielt und war die Marie in einer Arthouse-TV-Adaptation von Büchners Woyzeck, kommt demnächst im hochpolitischen Deutschland-(noch-immer-)Aufreger „Die Spiegel-Affäre“ mit Francis Fulton-Smith als Franz Joseph Strauß und Sebastian Rudolph als Spiegelchef Augstein in die ARD und ins Kino – doch es liegt ihr am Herzen, bissl näher an Österreich zu rücken. So gab sie für Götz Spielmann in „Oktober November“ beinahe sich selbst, eine gefragte Schauspielerin, die in Deutschland lebt, endlich mal wieder heimfährt ins stillgelegte Gasthaus der Eltern, wo sich das Sterben des Vaters, das Geheimnis ihrer Herkunft, die Gegensätzlichkeit zu ihrer Schwester dramatisch verquicken. So drehte sie unter Regisseur Thomas Roth mit vier weiteren Ladies im Steirischen den Alpenthriller „Blutschwestern“, angekündigt als Story einer „mörderischen Freundschaft“. So wirkt sie zum ersten Mal als Kommissarin in dem ORF/ZDF-Krimi „Die Toten vom Bodensee“ geographisch paritätisch zwischen Bayern und Vorarlberg.

Heißt viel hin-und herfliegen, doch immer Wienerschnitzel im Sacher, wenn sie die Mutter vom Flughafen abholt. Nicht zu vergessen das geniale Gulasch im Café Anzengruber. Also ruck, zuck vom Umar über den Naschmarkt an Thommys Tränke und zu Anzi-Mammas Töpfen. Ach, früher hätte sie auf hundert Metern bestimmt zwei Tschicks nacheinander gepofelt. Doch Noras Alabasterteint strahlt über den Rauchfrei-Weg, den sie mit der Aufzählung würzt, was sie sich jedes Monat gönnt vom ersparten Zigarettengeld: feinstes Olivenöl. Rotes und schwarzes Spezialsalz. Oder den Mitgliedsbeitrag im coolen Berliner Kreativen-Fitness-Private-Member-Club Soho House. Til Schweiger steht dort in Badehosen rum und Madonna hat vorbeigeschaut, als sie das letzte Mal Berlin besuchte. Mit Geld allein kommt man nicht rein, Insider wissen, es geht um die Soho-House-DNA: Also Schauspieler, Künstler, Medienmenschen, Gastronomen. Waldstättens DNA passt.

Logo: Theater, Film, Schreiben im Zeitmagazin und irgendwann unter die fünf bestgekleideten Frauen Deutschlands gewählt. Doch, das geht mit der Kunst zusammen, Elfriede Jelinek ist auch modeaffin. Bei großen Anlässen gut angezogen zu sein ist ihr fast so wichtig wie Restaurants und Beiseln zu entdecken und zu testen, urigschräge und hochberühmte wie den Weltjapaner Nobu. In Budapest, wo sie gedreht hat, und bitte, auch Robert de Niro aß, und wo’s immer noch quasi billig ist im Vergleich zu New York. Nur nebenbei: Leckermaul Nora hat’s magentechnisch noch geschafft, am Weg ins Nobu in der Konditorei Gerbeaud einzufallen, die schon Kaiserin Sisi beliefert hat. Wo sie vor und nach dem Indochine in New York gefuttert hat? Vergessen. Doch im Februar jedenfalls, als sie von den Hugo-Boss-Leuten zur Fashion Week eingeladen war, um mit Gwyneth Paltrow, Reese Witherspoon und Diane Kruger der neuen Damenkollektion von Jason Wu zu applaudieren, speisten alle après in Greenwich Village in Omar’s La Ranita – einem hippen, von Topmodels frequentierten Supper-Club-Restaurant. Waldstätten hat es genossen, und genießt es, sich in Hugo-Boss-Eleganz zu kleiden. Sie mag das Klare und Kontrollierte. Achtsamkeit, die wie unauffällige Maquillage, wie geschliffene Konversation, wie beherrschtes Temperament die Geheimnisse schützt. Als Deckel über dem Zaubertopf, in dem Sinnlichkeit, Leidenschaft und auch alle Abgründigkeiten simmern. Die Schauspielerin macht sie in ihren Rollen sichtbar, spürbar, nachfühlbar. Die Köchin lässt sie schmecken: „Die Melanzani, und was man mit der Eierfrucht anstellen kann“ – damit könnte Nora von Waldstätten abendfüllende Kochseminare bestreiten.