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Grenzverkehr

Schnapsbrennen und Bierbrauen – das Freizeitvergnügen für Jung und Alt

 

Text von Helga Baumgärtel   Foto: beigestellt


Kleine Stadt mit großer Geschichte“ steht in stolzen Lettern am Ortseingang von Vils, diesem Miniaturstädtchen in Tirol.

„Wir mussten über die bayerische Grenze nach Tirol ausweichen“, erklärt mir mein Schnaps-Seminarleiter Andreas Heiß. „Die Österreicher sind nämlich viel großzügiger als wir reglementierten Deutschen. Hier kann jeder, der über eigene Obstbäume verfügt, ein Brennrecht beantragen. Und Brennanlagen bis zu einem Kesselvolumen von zwei ­Litern sind ohnehin anmeldefrei.“

In einem aufgelassenen Apart-Hotel – Tourismus ist in Vils kein Thema – tröpfeln langsam die 16 Hobby-Brenner zum stets ausverkauften Schnaps-Brenn-Kurs ein. Ein buntes Menschen-Kaleidoskop: der Diplomingenieur neben dem Kaminkehrer-Meister, Anita von der Müllabfuhr in Esslingen neben dem Werkzeugmacher aus Dachau, eine „Kräuter-Fee“ aus der Schweiz, die ihre Kräuter „verschnapseln“ will. Na ja, und inkognito meine Wenigkeit, hier als „Hausfrau mit Obstgarten“ deklariert.

So, da sitzen wir nun auf unserer Schulbank, kriegen ein Privatissimum über die 6.000 Jahre alte Geschichte des Alkohols, über die Maische, über Brennanlagen, über Vorlauf, Edelbrand, Nachlauf und schließlich die Destillation.

Andreas Heiß schleppt inzwischen Äpfel, Birnen, Bananen, Zitronen, Maiwipferln, Zirben, Holunderblüten und Wacholder herbei. Herrje, was soll ich nur brennen?

Es ist zwar nicht jahreszeitengemäß, aber mir gefällt der „Weihnachtsgeist“ und seine Aromen. Also: 10 Gramm Zimt, 2 Gramm Ingwer und 20 Nelken mit dem Hammer zerkleinern und einmaischen. Und nun hocken wir vor unseren Kupferkesseln (nach Schmickl übrigens, die man auch für 416 Euro erwerben kann) und warten geduldig auf die ersten Tröpfchen. Mit dem Probierlöffelchen in der Hand.

„So Leute“, sagt Andreas Heiß, „jetzt schauen wir uns mal die Bestimmung des Alkoholgrades an und die Verdünnung auf Trinkstärke.“

Oh Pardon, ich hatte IHN ja noch gar nicht vorgestellt!

Also: Andreas Heiß ist Diplomingenieur für Brauwesen und Getränketechnologie sowie Biersommelier, ganze 44 Jahre jung – und von fesselnder Eloquenz. Er kann tausendundeine Geschichte erzählen über Schnaps, Bier und Whisky. Und wenn es etwas zu laut wird bei uns „Schülern“, pfeift er schon mal zur Ordnung durch die Zähne. Wie beim Fußballtraining. Und wir alle kuschen brav vor unserem rundum sympathischen „Professor“.

Jetzt tröpfelt es schon. Und so ziehen wir von Kessel zu Kessel, tauchen unsere Löffelchen ein in den Ouzo vom Fritz – hmm, sehr lecker – oder in den Literaten-Killer Absinth, den der Paul angesetzt hat. Die Holunderblüte mit Zitrus der Schweizerin mundet ebenfalls. Mein Ding allerdings ist der Himbeer-Schokolade-Geist von Anita eher weniger. Hingegen entwickelt sich mein Weihnachtsgeist prächtig. Und am Ende meines zweistündigen Brennens fülle ich stolz vier kleine Fläschchen mit meinem zimtigen Weihnachtsgeist ab.

Ortswechsel. Zurück über die Grenze nach Pfronten. Zum Falkenstein-Brauerei-Gasthof. „Bier ist der Beweis, dass Gott uns liebt“, hatte einst Benjamin Franklin formuliert. Gilt das auch für Frauen? Denn – ach herrje – im Schulungsraum der Brauerei haben sich zwei Dutzend mittelalterliche Mannsbilder in ­Kegelclub-Manier versammelt. Mit sattem Bierdurst und offensichtlich an „Cenosillicaphobie“ leidend – so heißt die Angst vor leeren Gläsern!

Und dazwischen meine Wenigkeit als einziges weibliches Wesen! Andreas Heiß stupst mich auffordernd in den Rücken. „Normalerweise sind beim Bierbrau-Kurs an die dreißig Prozent Frauen“, tröstet er.

Na schön, da muss ich jetzt durch. Mit der Studie des New England Journal of Medicine im Kopf, dass Frauen, die regelmäßig Bier trinken, über bessere kognitive Fähigkeiten verfügen! Also ran an die mobile Brauanlage (die man ebenfalls fürs Private erstehen kann – allerdings muss man fast 2.500 Euro hinblättern). Andreas Heiß übrigens hält an die 200 Kurse im Jahr ab. Hier in Pfronten, in Berlin, in Hamburg, in Wien, auf Ibiza, Mallorca und auf Anforderung auch privat.

Während wir Malz schroten und mit dem Braulöffel unter viel Juchhu einrühren – wobei mich die fröhlichen Mannsbilder ein wenig an einen Fröbel’schen Kindergarten erinnern –, gibt’s spannende Fakten von unserem „Professor“:

*Das teuerste Bier der Welt wird in Belgien gebraut, heißt „Vieille Bon Secours“, wird nur in einer Bar in London verkauft und kostet pro 12- Liter-Flasche 1.000 Euro.
*Das stärkste Bier stammt aus Schottland, hat satte 65 Vol.-Prozent! Die Flasche kostet 50 Euro!

Auf dem Handrücken beschnuppern wir die verschiedenen Hopfensorten. Hopfen beruhigt, hat antikarzinogene Stoffe, spült Nierensteine aus und wirkt Herzinfarkt und Magengeschwüren entgegen. Wird in Polen und Tschechien sogar vom Arzt verschrieben! Hätten Sie’s gewusst?

Wir lernen alles über obergäriges und untergäriges Bier, wir schroten, maischen, läutern, kochen die Würze, geben Hopfen hinzu, machen die Heißtrub-Abschneidung …

Der Höhepunkt aber ist für unsere frisch geschulten Geschmacks­papillen die Bierverkostung:
*„Sink the Bismarck“ heißt das 41-Prozentige (!), gebraut in Schottland.
*Aus Belgien kommt das „Trappistes Rochefort 10“, für das Bierliebhaber Minimum drei Jahre auf der Warteliste der Trappisten-Mönche stehen müssen.
*Lakritz-Noten hat das 30-prozentige „Eisbier“.
*Nach Schokolade schmeckt das zartbittere „Double Chocolate Stout“. Und so weiter …

„Vielleicht kommst Du noch zu meinem Whisky-Seminar?“, fragt Andreas Heiß beim Abschied.

Also, mein Lieber, jetzt muss ich erst einmal etwas Nahrhaftes in fester Form zu mir nehmen. Was ja in diesem zauberhaften Allgäu-Städtchen kein Problem ist.

In Jodelweite von unserem Braukurs liegt das Alpenhotel Krone. „Außen Denkmal – innen Design“ nennen die Kammerlanders aus Tirol den schick renovierten Hotel-Klassiker. Feine Küche und vor ­allem ein Riesen-Weinkeller laden zum Einnisten ein.

Und gleich vis-à-vis kann man das Entstehen einer weiteren Allgäuer Spezialität entdecken: des berühmten Emmentalers und sonstiger Käsespezialitäten.

Oder man radelt gleich rauf in 1.300 Meter lichte Höhen ins Berghotel Schlossanger Alp zur besten Köchin der Region, Barbara Schlachter-Ebert. Und bucht am besten einen Kochkurs für und in ihrer feinen Landhaus-Küche. Sie sehen, Essen UND Trinken hält Leib und Seele zusammen!

Andreas Heiß-Kurse plus Termine:
www.schnapsbrenn-seminar.de
www.bier-spass.de
www.whisky-whiskey-seminar.de

Gastronomie:
www.braugasthof-falkenstein.de
www.alpenhotel.krone.de
www.schlossanger.de