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Erdig

Er hat alles gegessen, was es gibt, „wie im Dschunglcamp“. Ständig auf Tour. International. Parov Stelar aka Marcus Füreder aus Linz. Da braucht es bisweilen Geborgenheit. Bei Schweinsbraten und Co. Beim Keplingerwirt in Sankt Hans. Im Mühlviertel z’Haus.


Text von Ro Raftl   Foto: Gerd Schneider



Der Tisch neben der Küchentür. Schweinsbratenduft gemixt mit zartem Sauerkraut-Odeur weht in die Nase, wenn sie auffliegt. Kitzelt den Appetit. Das Bioschwein brutzelt im Rohr. Der Star ruht in blindvertrauender Erwartung von immer gleichbleibendem Genuss. Bald! Saftiges Fleisch mit zweierlei Knödel und warmem Specksauerkrautsalat auf dem Teller.


Also saugt er an der Elektrozigarette und schaut versonnen zu, wie der Heinz, der Keplinger-Wirt, das Bier zapft. Reininghaus Jahrgangspils, auf sechs Grad gekühlt. Goldgelb mit schöner Schaumkrone. Auch darauf ist Verlass. Die zwei Männer können, aber müssen nicht so viel reden. Die Beziehung ist stabil.


„Eine symbiotische Beziehung, die in Abhängigkeit ausartet“, sagt Marcus Füreder aka Plasma, Cash Candy, Nola Grey, Parov Stelar. Wobei der längst weltberühmte Electroswing-Pionier das Wort Stelar auf dem „a“ betont – und gelassen zum vermutlich neunhundertneunundneunzigsten Mal expliziert, dass alle diese Namen für einen speziellen Sound stehen. Dass es ihm sehr wichtig sei, in unterschiedliche Richtungen zu produzieren und nicht nur einem Weg zu folgen. Und wir fangen jetzt nicht an, im etymologischen Lexikon zu graben: dass Stelar ohne Doppel-ll nichts mit Stern, sondern mit Stele zu tun haben müsste. Dass in der Antike ein hoher freistehender Pfeiler, meist ein Grabstein, als Stele bezeichnet worden ist. Nein. Denn es ist ein purer Als-ob-Name, geboren aus lautmalerischer Fantasie – der Füreders Band miteinschließt, die sich vom Trio bis zum Oktett aufblasen kann, während Marcus seinen Laptop mit dem Apfelsymbol bearbeitet. „Vielleicht ist es der Name meiner Therapie“, witzelt er auf dem Tour-Movie All Night (zu ­besichtigen z. B. auf YouTube). Um’s knapp vor einem Auftritt drastischer zu formulieren: „Ich bin müde. Aber dafür hab ich jetzt die Chance, dass i denen erklär, warum ich Parov Stelar heiß.“ Shame, das Video hab ich erst nach unserer Landpartie angeschaut, sonst hätte ich nicht gefragt.


Müde. Oft. Ständig on tour. Europa. Amerika. Russland. Türkei. In großen Hallen und in superschicken, exklusiven Clubs. Besonders in Osteuropa eine ganz große Nummer. „45.000 kamen vor zwei Jahren zu unserem Konzert in Bukarest“, sagt er. Und dass Parov Stelar im Ausland gehypter ist als in Österreich. Selbst wenn sie fünf Amadeus-Awards geerntet haben, drei für das Album „The Princess“, 2013 in den Kategorien Album des Jahres, Bester Liveact und Best Electronic Dance.


Bis die Landpartie ins obere Mühlviertel zum Keplingerwirt nach St. Johann am Wimberg – Wissende sagen Sankt Hans – endlich fixiert ist, vergeht ein halbes Jahr.


Dann aber. Geborgenheit. Verankert im Erdig-Ländlichen, in der weiten satten Hügellandschaft, in Grammeltascherln, Rücken vom Mühlviertler Lamm, Bachsaibling in Kräutern, im Ganzen gebraten, und Topfen-Mohnknödeln mit Vanillesauce und hausgemachtem Moccaeis „Das letzte Mal war i 16 Tage in Oberösterreich. 14 Tage jeden Tag da. Am 15. Tag musste ich woanders hin, da hat der Heinz schon angerufen und g’fragt, ob was net passt hat.“


Abhängigkeit, die den Magen glücklich macht, zufällig vor acht Jahren entdeckt, als Füreder mit seiner Liebsten Barbara auf der Suche nach einem Haus rund um Linz ins Mühlviertel vorstieß. Das Haus hat er bei Altenfelden gefunden, einen alten Hof (auch) zum Studio umgebaut – obwohl er nicht viel länger als zwei Monate im Jahr dort ist. Die Futtertankstelle blieb in Sankt Hans. Beim Abschiedsbesuch vor der letzten Tour hat ihm Erika Keplinger drei Töpfe mit Verpflegung eingepackt, „weil ich dem Catering nicht vertraue“. Sie steht in der Küche, seit sie mit zwanzig ins Wirtshaus geheiratet hat, ohne kochen zu können. Hat es mit großer Leidenschaft erlernt, das Bodenständige ohne Pi-Pa-Po. Fleisch, Eier, Milch, Honig schon immer von den Bauern und Imkern aus der Umgebung geholt. Die Aromen der Kräuter ­genützt. Nicht nur für den mittlerweile wichtig zele­brierten Tee, für den Waltraud Zita, eine Bäuerin im Ausgeding, die Wiesen rund um den Ort rupft. Später ist Wirtsfrau Erika bestätigt worden durch die Trends zum Regionalen und Saisonalen. Alles, was für sie total normal war, trägt jetzt ein Gütesiegel, und ihr Sohn Heinz, der Juniorchef, hat die gütige Lieferantenliste zur Speisekarte des zwischenzeitig zum „Golfhotel“ gediehenen Keplingerwirts geheftet. Der Vater genießt seine Forschungsreisen zu den Winzern ins Kremstal und ins Steirische, er hat sich auf den Wein ­spezialisiert. Die 35-jährige Tochter An­drea auf die Mehlspeisen. Wenn sie nicht coole Desserts zaubert, schleppt sie den zweijährigen Sami ­herum, der auf Englisch nach der Mama brüllt. Sein Daddy ist Engländer.

Ein weiteres Herzensbandel zwischen den Keplingers und den Füreders. Max, deren Zweijähriger, hat eine englische Nanny, weil die Mama auch aus der Künstlerbranche kommt und als Sängerin Lilja Bloom an der eigenen Karriere bastelt, mit Marcus auftritt oder die Truppe Parov Stelar inspiriert. Zu Coco zum Beispiel. Ist fünf Jahre alt, aber hören Sie mal öfter in den Titel rein und geben Sie zu, dass Coco noch beim fünften Mal hintereinander ans Herz geht. Nun aber. Wir salben die Ohren, Max und Sami, die kostbarsten Schätze der beiden Familien, rennen durch den Mühlviertler Keplinger-Wirtsgarten und feuern einander auf Englisch an. Selbstredend ­waren Keplingers schon in der Finca auf Mallorca, wo Füreders hauptsächlich leben. Wo Max später die internationale Schule besuchen soll. Wo’s im Winter bissl wärmer ist als im Raum Linz und wo sich Papa Marcus an Paellas versucht, obwohl er richtig stolz auf seine Gulaschsuppe ist: „Mit Filetsteak vom Angus-Rind, dem Feinsten vom Feinen. Aber meine Frau wünscht sich immer Risotti von mir. Ein Favorit ist Kürbisrisotto mit Sepia.“

Weil er aber nicht eitel ist, kann er zugeben, dass er neulich bei der Paella auf den eigenen Schmäh hereingefallen ist: „Die darf nicht so lang köcheln wie ein Risotto.“ Streut im gleichen Atemzug den vegetarisch-indischen Gerichten seiner Angetrauten Komplimente. Aber ehrlich: „Immer muass i des net haben.“ Hört man Lilja Bloom, denkt man spontan an eine blonde, blutjunge schwedische Nichte von Pippi Langstrumpf. Eingefahren! Barbara ist dunkelhaarig, sexy, gleich alt wie Marcus, wie er aus Oberösterreich, hieß Lichtenauer, bevor sie „vor zwei Jahren ganz klassisch in Linz geheiratet haben. Schön!“, sagt er. „Ich war auf der ganzen Welt unterwegs, und dann lern ich in Linz bei Freunden eine Künstlerin kennen, mit demselben Schmäh, demselben Humor, denselben Wurzeln. Man weiß, wovon man redet. Natürlich ist das Zündelspiel zwischen Mann und Frau prinzipiell schön. Doch ich bin im Grunde ein altmodischer Mann, vertrau auf den Wert der Familie. Spießig, meinetwegen, aber ich muss ja solid sein. Trag die Verantwortung für meine Band, die auch jeden Monat ihre Miete zahlen will.“

Seufzt ein wenig: „Wenns’d in den 1960er, 1970er Jahren ein etablierter Künstler warst, hast zehn Jahre mit einer sicheren Karriere rechnen können. Jetzt schmeißen’s täglich was Neues raus, und du bist über Nacht wieder weg vom Fenster.“ Fragt: „Wie hält Lady Gaga ihr Leben aus?“ Konstatiert: „David Bowie konnte seine Verwandlungsfähigkeit noch besser integrieren.“ Resigniert: „Tja, auch Madonna musste noch ein Unplugged-Jazzalbum rausbringen … Seit sie 16 sind, stehen sie immer in der Öffentlichkeit. Wenn das schwindet, haben sie Liebeskummer.“ Fazit: „Wir ­leben in einer Lüge. Keine Frau sieht so aus wie auf den Plakaten. Ich“, fügt er an, „versuch, in meiner Mitte zu ruhen. Wenn’s mir gut geht, setz ich mich auf die Terrasse und trink mit den Buam von der Band Kaffee.“ Nichts da mit All-Night-Partys auf einer Tournee: „Du kannst nicht zehn Konzerte spielen, wenn du jeden Abend stockbesoffen bist. Peter Doherty okay, wenn der net b’soffen auf der Bühne steht, dann war’s nix.“

Obwohl: War auch mal anders bei Marcus Für­eder. Früher. Experimenteller, mit dem Leben, der Musik, der Liebe und dem Genuss. Als Zwölfjähriger hat Marcus mit seiner Schwester Kindermilchschnitten nachzukochen versucht, als sie am Pöstlingberg in einem Haus im Grünen wohnten. Herrlich, eine Jugend „mehr im Wald verbracht als wo anders, prägend das Erdige“, doch, das Gymnasium hat ihn auch gesehen. Der Vater war Manager bei IBM, die Mutter – Margit Füreder – bildende Künstlerin. Und: „Damals war der Kühlschrank noch nicht immer rammelvoll, nicht alles zu haben für Kinder.“ Tja. Keine kulinarischen Highlights. „Ich schätze meine Mutter als Künstlerin, aber als Köchin müsste sie noch ein paar Mal auf die Welt kommen.“ Damals hat er ihr bisweilen vorgeworfen: „Du interessierst dich nicht für uns“, inzwischen dankt er ihr für ihre Toleranz: „Ich war das schwarze Schaf der Familie.“ Der Vater hätte ihn gerne als Profi-Tennisspieler gesehen. Doch er brannte für Musik, hing als „Mod“ im alten Linzer Café Landgraf, in der Stadtwerkstatt herum, tobte, schwärmte, raste, tanzte ekstatisch zu den Raves. Ja. Dem Electrosound als DJ dienen. Das war es. Gut, er absolvierte eine Ausbildung für Angewandtes Design. Aber … Weshalb er seine milchschnittenlose Kindheit längst segnet: „Das Nichthaben ist sehr inspirierend. Auch als Künstler läufst erst zu Höchstleistungen auf, wenn etwas unrund für dich ist.“ Bei ihm zumindest war das so.
„Noten lesen kann ich bis heute nicht. Aber ich weiß, wo ich was am Computer hin- und herschieben muss.“ Also saß er 14, 15 Stunden täglich vor dem Kastl und entwickelte Musik. Im Underground erst, nur für eine schmale Technoszene. Bis. Er einen Minimal Beat auf seinem Plattenteller hatte. Dazu eine alte Billie-Holiday-Platte: „Sie war ein bisschen kaputt und wiederholte eine Phrase immer wieder, und ich dachte ,wow, das klingt großartig‘ und begann das zu mixen.“ Ein heiliger Moment seiner Karriere. Denn als Nächstes hörte er Mr. Scruffs „Get A Move On“ und dachte: „Das könnte ein neuer Sound für mich werden, denn ich liebe beides, das nostalgische Retro-Feeling und das Hier und Jetzt mit den modernen elektronischen Beats.“ Es geschah. 2003 hat er das Plattenlabel Etage Noir gegründet. Und wurde berühmt: „Richtig begonnen hat’s, als ich dreißig war.“

Sie haben auch electro-gebrucknert für die Linzer Klangwolke vergangenes Jahr. „Schwierig war’s“, fand Füreder, doch auch: „Gelungen ist’s.“ Ein kleiner Ritterschlag, gefragt worden zu sein. Da ging’s nicht um Geld. War sein Tribut an die Heimatliebe und an das Bodenständige in ihm. Denn. Da gab’s noch die Oma väterlicherseits, die den Buben mit Schweinsbraten und Co, dem traditionellen Mühlviertler Essen, über die mütterlich schnelle Künstlerküche hinweggetröstet hat. Ohne zu theoretisieren. „Hat’s dir g’schmeckt?“ war ihre einzige Frage. Seither mag er Speisen, die aus der Region sind, in der man sich aufhält. „I hab scho alles g’essen in mei’m Leben, wie im Dschungelcamp.“ Die Highlights hat ihm Italien beschert: „Dort kannst in a klans Tschocherl gehen, und es wird gut sein.“ In Griechenland mag er die Speisen und noch mehr den gesellschaftlichen Aspekt: „Wer bestellt, zahlt. Und dann wird’s ein Gemeinschafts­essen. In Rumänien, Polen, Russland hast nicht so viel Zeit, um gute ­Beiseln zu suchen. Dann musst halt auf ein höheres Level gehen, um qualitative Rohstoffe zu bekommen.“ Aber: Da er nicht so gern fliegt, reist Parov Stelar im Tourbus. Setra. Doppelstock mit Wohnzimmer, Schlafzimmern. Küche. Kostet eine Million Euro, ist deshalb auch gemietet. Aber zumindest kann man sein Essen selber zubereiten.“

Marcus lacht: „Das Princess-Feeling. In dem Album wird ja keine Person gefeiert, sondern ein Grundgefühl im Showbusiness. Die helle und die dunkle Seite. Als ich als Musiker begonnen hab, sagten alle Freunde zu mir: Du hast einen perfekten Job, das muss der Himmel sein. Du bekommst gratis Bier, machst Party, triffst Supermädels! Stimmt, es ist einer der besten Jobs, die man haben kann. Die andere Seite des Showbusiness ist unsichtbar: die harte Arbeit, das Nervensausen, die Konzentration auf den Auftritt, die Reisezwänge. Du lebst wie eine Prinzessin im goldenen Käfig.“

Mit dem Sohn, mit der Frau ist er zusehends gelassener geworden: „Alles ist mehr oder weniger wie eine Welle, die ich zu reiten suche. Es kommt der Punkt, an dem man auch zufrieden sein darf. Ruhen, um Batterien aufzuladen. Nicht immer besessen Pläne zu schmieden: What’s the next? Der Schweinsbraten mit zweierlei Knödel und warmem Speckkrautsalat! Ein paar Freunde sind an Keplingers Stammtisch eingetrudelt. Der Heinz zapft bernsteingoldenes Bier.