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Erlesenes

… und andere kulinarisch-literarische Lustbarkeiten

Text von Eva Rossmann · Illustration von Nicolás Aznárez

Erlebnis-Gastronomie mal anders. Kulinarische Literaturevents funktionieren nach eigenen Gesetzen, denen man tunlichst Folge leisten sollte: „Zu lang lesen s’ bitte eh nicht, die meisten sind wegen dem Essen da.“

So manche sind auf der Suche nach MEHR. Gute Küche hat bald wer. Bio klingt fein, aber Auf- und Abgeklärte sagen: „Regional ist das neue Bio.“ Und regional nennt sich inzwischen so viel, dass man um einen Hauch Exotik bettelt.

Literatur hat noch immer den Geruch des Elfenbeinturms. Elitäre Höhe und ein wenig miefig. Selbst wenn man vorgelesen bekommt, sollte man zumindest zuhören. Das ist etwas aus der Mode gekommen.

Was also liegt näher, als die beiden Genüsse zu verbinden. Wer nicht gern hört, wird vielleicht gerne essen. Und wer Kulinarisches nicht so wichtig findet, braucht neben geistiger doch auch andere Nahrung.  Glücklich die, denen beides gefällt. PR-Manager und Hoteldirektorinnen, lesende Köche und essende Buchhändlerinnen veranstalten solche Events. Im sardischen Bergland lebt gar das ganze Dorf Gavoi ein Sommerwochenende lang für Literatur mit dem verführerischen kulinarischen Beigeschmack. Alle, die ebenerdig wohnen, öffnen die Türen, stellen Tische und Bänke aufs Kopfsteinpflaster vor ihre Steinhäuser, servieren den Literaturlauschenden neben gut gefüllten Panini Spezialitäten, die man schon in der eigenen Küstenregion nicht mehr kennt. Purpuzza: fein geschnittenes nicht zu mageres Schweine-, Schaf- oder Ziegenfleisch, das mit grobem Pfeffer und Essig einen Tag lang mariniert wird, bevor man es in einer schweren Pfanne in Olivenöl knusprig brät. Dazu gibt’s vorher und nachher im Freien amerikanische Science-Fiction-Literatur, italienische Lyrik, den Familienroman von Eva Menasse, Diskussionen mit Mafia jagenden Journalisten. Eine bekömmliche Mischung, die man noch dazu individuell passend dosieren kann. Ich bin jedes Jahr dort. Nicht nur, aber auch wegen des Purpuzza.

Natürlich können und wollen nicht alle solchen Aufwand treiben, und wahr ist, dass – man kennt das vom Kochen – nicht jeder Versuch gelingt. Mit Vergnügen erinnere ich mich an ein österreichisches Menü, das im Brandenburgischen zu meinem Krimi gekocht wurde. Um die Spannung zu erhöhen, sollten die zahlreichen Gäste erraten, um welche Gerichte es sich handelt. Jetzt ist es so, dass ich lesen und vorher oder dazu essen für keine gute Mischung halte, also habe ich am Test nicht teilgenommen und nur zugesehen, was meinem Mann Ernest kredenzt wurde. Er ist Österreicher. Und er war ratlos wie die Brandenburger. Der Hauptgang bestand, unschwer zu erkennen, aus irgendeinem Ragout, am ehesten war es Zürcher Geschnetzeltes mit nicht ganz so gutem Fleisch. Später haben wir erfahren, dass es sich um Gulasch handeln sollte. Es lebe die österreichisch-ungarische Monarchie. Noch spannender war das Dessert. Kalte Teigteile, die so ähnlich ausgesehen haben wie das, was man aus dem Kochwasser fischt, wenn einem der Knödelteig gar zu locker geworden ist.

Nach der Lesung, die hoffentlich von den dortigen Kulinarikern besser bewertet worden ist, sagt die wirklich reizende Gastgeberin zu mir: „Eine Frage hätte ich noch. Wir waren uns nicht einig: Ist der Kaiserschmarren ein kaltes oder ein warmes Gericht?“

Anders exotisch und ebenso gastfreundlich wurde mein Auftritt am Deutschinstitut der Universität von Hanoi begleitet: Man bat zur traditionellen Weihnachtsfeier. Wir wussten schon vorher davon und haben eigens Weinviertler DAC einfliegen lassen. Ich liebe vietnamesische Küche. Was wird man Rektor, Institutsvorstand, Unilehrern und eben uns servieren?

Es gab in erster Linie deutsche Dosenwürstchen und österreichische Kekse. Stilgerecht mit Stäbchen zu essen. Der Wein wurde zimmerwarm in Plastikbechern serviert. Er hat allen sehr geschmeckt. Gemeinsam wurden wir immer lustiger und als der Institutsvorstand vor Vergnügen schon gehüpft ist, hat er gerufen: „Kriminell gut!“ Sein Deutsch ist ausgezeichnet.

Aber bitte: Niemand sollte sich abhalten lassen, kulinarische Literatur-events zu planen. Mir ist es im Allgemeinen deutlich lieber, andere kochen und ich lese, als wenn ich, quasi als Alleinunterhalterin, zusätzlich kochen soll. Es hat sich inzwischen eben herumgesprochen, dass ich nicht nur schreibe, sondern auch beim Buchinger in der Alten Schule mitarbeite. Begonnen hat es sowieso mit einem meiner Krimis. Da in allen gekocht wird, war es naheliegend, einen Gastronomie-Roman zu schreiben und dafür habe ich eben beim Buchinger recherchiert. Unfassbare dreizehn Jahre ist das schon her. Wohlmeinende Literaturveranstalter hat das auf eine besondere Idee gebracht: „Wir möchten Sie zu einer Lesung einladen. Sie dürfen sogar kochen!“ Jetzt koche ich wirklich immer noch sehr gerne, doch vierzig, sechzig, hundert Leuten
etwas Annehmbares zu servieren, fällt trotzdem nicht unter „dürfen“. Zumal das Auswärtskochen so eine Sache ist.

Natürlich tue ich es hin und wieder trotzdem. Zum Beispiel, wenn gute Freunde meinen, auf die Art bekämen wir die Veranstaltung eher voll, als wenn ich bloß lese. Ich versuche nicht zu hinterfragen, wie sie das meinen. Ich packe dann Woks und Gaskocher ein und stelle mich nach der Lesung hin und woke wie verrückt. Mit regionalen Zutaten, versteht sich. Und exotischen. Manchmal gibt’s auch eine Zusatzüberraschung. Etwa in der feinen Buchhandlung am Bodensee, wo sie nicht nur eine fahrbare Show-Küche, sondern zudem ein Headset hatten. So hab ich nach meinen üblichen fünfundvierzig Minuten Lesen dann noch eine Stunde gekocht und darüber via Lautsprecher geredet. Macht ohnehin Spaß. Nur eine gute Konstitution sollte man haben.

Zumindest gute Nerven braucht man auch, wenn man in großen kulinarisch bespielten Räumen liest. Ratskeller in Leipzig. Geschätzte dreihundert Plätze. Und eine Bühne, auf der ich zur Buchmessezeit gemeinsam mit einigen Kollegen gesessen bin. Jetzt liebt Leipzig seine Messe und so gut wie alle Veranstaltungen sind bestens besucht. Aber in einer Bierhalle will man in erster Linie essen und vor allem trinken. Und das wurde eingefordert. Egal, was oben auf der Bühne passiert. Ich finde, Lesungen sind keine Weihestunden. In den alten Theatern wurde auch gegessen und getrunken und gleichzeitig das verfolgt, was vorne vor sich ging. Liza Marklund freilich sah, las ganz kurz und verlor die Contenance. Weg war sie. Erst später habe ich erfahren, dass sie zudem schreckliches Kopfweh geplagt hat. Abgesehen davon: Nicht jede will als Vertreterin Gurkenhobeln verkaufen und egal, wie das Publikum reagiert, weitermachen. Bis alles kleingeschnipselt ist. Samt dem eigenen Ego.

Gemütlicher habe ich es da schon in meinen Lieblingshotels in Zürs und Pörtschach. Im „Enzian“ kocht Buchinger mit der dortigen Brigade, im „Parkhotel Pörtschach“ macht es das Küchenteam. Einige Gänge in Anlehnung an Rezepte in meinem aktuellen Krimi, zwischen den Gängen Ruhe und Lesehappen. Liebevolles Engagement, um den Gästen Zusätzliches zu bieten. Daraus entstehen Freundschaften. Und Traditionen. Zu essen und zu hören gibt’s ohnehin jedes Jahr anderes. Das trifft auch auf die inzwischen traditionellsten Events zu: Meine Premieren-Lesungen in Buchingers Alter Schule. Da wird es allerdings manchmal ziemlich heiß zwischen Küche und Mikrophon. Weil: Anders als sonst will ich mich in diesem Fall in der Küche wichtigmachen. Immerhin wird nach meinem Buch gekocht. Buchingers alter Spruch „Chef kann’s nur einen geben – im Formel-1-Auto sitzen auch nicht zwei!“ bringt mich in Rage. Selbst wenn ich weiß, dass ich mich eher um Bücher und Lesen und Gäste kümmern sollte. Ist ja genug zu tun. Ganz abgesehen davon, dass es absurd wäre zu glauben, ich könnte das besser als mein langjähriger Kochfreund. So reißt es mich hin und her und erst, wenn gelesen und gegessen ist und ich den Eindruck habe, jetzt ist der nächste Krimi mit allem Trara auf der Welt, kann ich so richtig feiern.

Überhaupt: trinken und lesen. Da gibt es unzählige Geschichten. Es soll Autoren – und Autorinnen – geben, die ohne einen gepflegten Alkoholpegel keinen geraden Satz von sich geben können. Legendär ist die Geschichte einer reizenden Buchhändlerin aus Weiz, die einmal … ich tratsche nicht, oder kaum, also kein Name … jemanden eingeladen hat, dessen Veranstaltungsmanager eine einzige Bitte hatte: ein Glas mit Wodka auf dem Lesetisch. – Wie groß? – Na eben ein normales Glas, wo man sonst einen Viertelliter Wasser reintut. Besagter Gast kam, nahm den ersten beherzten Schluck, war hinreißend und sprühend und erst vom Lesetisch zu trennen, als das Glas leer war. Ich gehöre zum Glück zu den gegenteiligen Typen. Schon ein sechzehntel Wein stört meine Konzentrationsfähigkeit. Beim Lesen. Dafür gibt’s danach nichts Schöneres als einen kalten G’spritzten.

Da vergisst man schnell, dass der Bürgermeister zu Beginn der Lesung in seinem Dorfgasthaus gemeint hat: „Zu lang lesen s’ bitte eh nicht, die meisten sind wegen dem Essen da.“ Eva, der Pausenclown. Ich kann damit leben. Eine Krimiautorin, die sich todernst nimmt, wäre auch wirklich seltsam. Luft schnappen hilft bisweilen. Zum Beispiel, als sich die Chaîne des Rôtisseurs bei ihrem Diner Amical eine kurze Lesung gewünscht hat. Den netten Herrn mit ihren Ketten erfüllt man eben einige Wünsche. Es war bloß ein weiterer Tisch in der „Ersten Klasse“ besetzt. Stammgäste, mit denen ich schon oft und lustig geplaudert habe. Also bin ich hin und habe gebeten, ob sie für höchstens zehn Minuten ein wenig leiser sein könnten. Böse Blicke von dem, der offenbar eingeladen hat. Ich gehe trotzdem hin und lese. Und die Stammgäste reden und lachen. Ein honoriger Rotisseur macht ebenso laut und entnervt: „Pssst!“ Mehr hat es nicht gebraucht. – „Pssst! sagt keiner zu uns!“, knurrt der Stammgast. Viel hätte nicht gefehlt, und wir wären in der schönsten Wirtshausschlägerei gewesen.

Wenn man vom – teils – tingelnden Gewerbe ist, muss man so etwas in Kauf nehmen. Nur zu schreiben und darauf zu hoffen, dass irgendwo Unbekannte sind, die das lesen wollen, wäre doch fad. Zumal ich auch als Köchin Action liebe.

Menschen zu begegnen, weil es neben den Büchern noch andere Genüsse gibt, darin ist für mich einer Weltmeister: Lojze Wieser. Er betreibt den feinen Wieser-Verlag, ist selbst Autor und gestaltet seit geraumer Zeit für ORF und 3Sat wunderbare kulinarische Reisereportagen. „Der Geschmack Europas“ ist gleichzeitig eine kulturelle Spurensuche zwischen dem Karst, der Maremma, Galicien und anderen spannenden Regionen. Er wird auch tatsächlich vom Kulturressort produziert. Es geht bei ihm aber noch einfacher: Auf jeder Buchmesse steht mein Freund Lojze nicht nur inmitten seiner literarischen Produkte, sondern er hat auch einen istrischen Pršut vor sich. Von dem säbelt er kunstvoll dünne Stücke ab, verteilt sie, man redet über Literatur und Kulinarik und das Leben und alles ist für ein paar Minuten eins.

Eva Rossmann
Fadenkreuz
Gebunden, 271 S., € 19,90
ISBN 978-3-85256-668-9

Eva Rossmann war Journalistin, ehe sie mit den Mira-Valensky-Krimis zur Bestsellerautorin wurde. Daneben arbeitet sie als Köchin in Manfred Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“.