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Die zwei für den Sommer


Seit der Terror seine blutige Spur durch Europa gezogen hat, werden die Karten im Tourismus neu gemischt. Frankreich, die Türkei, Nordafrika von Tunesien bis Ägypten haben an Reiz verloren – die „alten“ Ziele sind wieder in: Spanien, Italien, Griechenland. Und wer auf angesagte Inseln steht, hat ohnehin nur zwei Alternativen: die Balearen oder die griechischen Inseln.


Text von Hans Mahr   Foto von Scorpios Mykonos

Vor allem zwei Destinationen sind in diesem Sommer en vogue wie nie zuvor: Mallorca im westlichen und Mykonos im östlichen Mittelmeer. Aber was vorbei ist, sind die Zeiten des Sangria-Trinkens aus dickbauchigen Flaschen oder Eimern und ebenso das verschärfte Abhängen mit Ouzo und Retsina. Denn Mallorca und Mykonos sind nicht nur in, sondern haben auch gastronomisch aufgerüstet. Im Fadenkreuz der jeweiligen Touristiker stehen nicht mehr die Pauschaltouristen, sondern gut betuchte Individualreisende oder Szene-affine Junge und Junggebliebene.

Ballermann-Mallorca plötzlich hip? Kaum zu glauben, aber wahr. Großaufgebote von Polizei und Zivilstreifen haben am Ballermann mit dem Komasaufen aufgeräumt. Und mit ­tatkräftiger Unterstützung der Mallorca-Politiker hat sich auf der Insel eine fast unglaubliche Gastro-Szene entwickelt. Auch dank der zahlungskräftigen Deutschen und Österreicher, die sich auf der Baleareninsel angesiedelt haben.

Der erste prominente österreichische Ansiedler kam schon vor 40 Jahren nach Mallorca. Bruno Kreisky, von 1970 bis 1983 mit absoluter Mehrheit ausgestatteter Bundeskanzler, hat es auf die Insel gezogen, weil ihm „Kärnten und der Wörthersee zu teuer“ waren. Für dieses Zitat ist der „Sonnenkönig“ ordentlich abgewatscht worden, seiner Begeisterung für Mallorca tat das aber keinen Abbruch. Vom PLO-Chef Arafat bis zum libyschen Machthaber Gaddafi erhielt er dort Besuch, und auch auf der Yacht von König Juan Carlos war er immer ein gern gesehener Gast.

Journalisten, die für Kreisky-Interviews auf die Insel geflogen waren, können sich an das dürftige kulinarische Angebot dieser Zeit erinnern. Fette Tapas, Garnelen in Knoblauchöl und durch überlange Grillzeiten ausgedörrte Fische jeder Art waren an der Tagesordnung. Lang, lang ist’s her. Heute kann man Palma und Umgebung ohne Einschränkung als Gourmetinsel bezeichnen. Auf keiner anderen Mittelmeerinsel ist das gastronomische Angebot qualitativ so hochwertig und so breit wie auf Mallorca.

Den Löwenanteil an dieser Entwicklung hatte ein Engländer. Marc Fosh, seit drei Jahrzehnten auf der Insel, baute ein kleines Feinschmecker-Imperium auf. Bis heute ist das sternengekrönte Fosh in der Altstadt von Palma ein Eldorado für Gourmets. An den Wänden moderne Kunst vom Feinsten und auf den Tischen moderne Küche vom Besten: Jakobsmuscheln mit Seefenchel, Kabeljau mit Meeresalgen, Spanferkel mit geräuchertem Rhabarber und, und, und – das neungängige Degustationsmenü kostet 89 Euro. Nicht billig, aber gut.

Ein Österreicher hat Fosh dabei unterstützt. „Bei Marc zu arbeiten, ist schon etwas Besonderes, er ist ein großartiger Könner, der die Inselküche modernisiert und auf eine neue Ebene gebracht hat“, sagt Simon Petutschnig, der mit dem Rucksack vor 14 Jahren nach der Lehre im Kurbad Althofen nach Spanien gekommen ist. „Bist deppert, haben meine Freunde gesagt“, erinnert er sich an seine Anfänge, „kannst net einmal Spanisch und willst dort Karriere machen.“ Aber der Kärntner lernte Spanisch und machte Karriere. Von der Costa Brava nach Barcelona und weiter nach Mallorca, eben zu Marc Fosh. Für ihn hat er zwei zusätzliche Gourmet-Restaurants aufgemacht, die heute unabhängig sind und florieren: The Lab – dort gibt’s jeden Monat eine andere Landesküche (derzeit Mexiko), die mit spanischen Klassikern vermählt wird. In der offenen Küche und über Video kann man den Köchen zuschauen, welche Spezialitäten sie wie brutzeln. Dann kümmert sich Simon Petutschnig auch noch um The Kitchen, ebenfalls in der Altstadt, wo es etwas einfacher – von Gambas bis Spanferkel –, aber trotzdem hochklassig zugeht.

Auch der neue Shootingstar unter den auf Mallorca werkenden Chefs setzt auf Crossover. Emilio Castrejón kommt aus Mexiko und tischt eine spanisch-japanisch-mexikanische Fusionsküche auf. Zugegeben, das klingt ein wenig verwegen, aber es schmeckt großartig, sogar der dem Genuss nicht sonderlich aufgeschlossene Spiegel hat ihm schon eine eigene Story gewidmet. Tataki von der Dorade, Ceviche von der Languste, Tempura vom Huhn und japanisch zubereitetes Rindsfilet – kein Wunder, dass sein Emilio Innobar auf Wochen hinaus ausgebucht ist. Wer diesen Sommer einen Platz bekommen will, sollte jetzt schon buchen.

Aber nicht nur in Palma findet man die moderne mallorquinische Küche. Der Star unter den Aufsteigern heißt Santi Taura, und er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die originale Inselküche neu – und zwar viel leichter – zu interpretieren. Drei Vorspeisen, Fisch, Fleisch und Dessert um 40 Euro ist wirklich preiswert. In seinem angeschlossenen Gourmet-Lokal Dins wird es für nur zwölf Gäste noch ein wenig exklusiver, da zeigt Santi Taura, dass er zwar als Fernsehkoch aktiv war, sich aber nicht nur auf Massengeschmack, sondern auf die feine Küche konzentriert. Die 30 Minuten Anfahrt nach Lloseta ist das sicher wert.

Für zwei Restaurants kann man die halbe Stunde Fahrzeit von Palma nach Norden in Kauf nehmen:
Joan Marc in Inca kombiniert Sardinen mit Xeixa-Nudeln (Urweizen aus Mallorca) und Kaninchen mit Pistazien. Ein paar Kilometer weiter in Richtung Pollenca liegt der kleine Ort Caimari, wo Maria Solivellas, eine ehemalige Theaterproduzentin, in ihrem organischen Garten altes mallorquinisches Gemüse züchtet und auch Fleisch und Fisch nur aus der Gegend bezieht. „Alles bei uns kommt von der Insel, nur der Käse kommt aus Menorca.“ Weil dort die Kühe, die nahe beim Meer grasen, leicht salzig schmeckende Milch geben, die zum typischen Menorca-Käse verarbeitet wird.

All jenen, die im Süden Urlaub machen, ist ein Besuch im Sal de Cocó am Strand von
Colònia de Sant Jordi zu empfehlen. Marta Rosselló kombiniert dort mallorquinische ­Küche originell – von mit Fisch und Spinat gefüllten Ravioli über Gazpacho mit Kirschen und Sepia bis zu einer dekonstruierten Paella.

Aber was wäre ein Aufenthalt auf einer spanischen Insel ohne Tapas (obwohl diese Tradition nicht aus Mallorca, sondern vom spanischen Festland kommt)? „Tapas-Lokale gibt’s auf der Insel sicher dreihundert“, schätzt der deutsche Immobilienmakler Matthias Kühn, der es nach 30 Jahren Mallorca wissen muss. „Aber nur wenige sind wirklich gut.“

Wirklich typisch geht’s im Tast zu, direkt im Carrer de la Unió zwischen dem Kaufhaus El Corte Inglés und dem Plaza Mayor. Auf der schwarzen Kreidetafel wird alles angeboten, was das Herz eines Tapas-Liebhabers höher schlagen lässt. Serrano-Schinken, Blutwurst, Patatas Bravas, Kabeljau-Kroketten, Mini-Hamburger, Schweinsfuß mit Spiegelei …

Bei Christian Baqués im Forn de Sant Joan haben die Tapas eine Modernisierung erfahren. Gourmet-Tapas stehen zur Auswahl: Auf kleinen Tellern wird die Gänseleber fein gehobelt, der Tintenfisch im schwarzen Reis serviert, die junge Taube kommt mit Birnenpüree, und beim Fisch kann man sich zwischen mindestens vier verschiedenen Arten entscheiden.

Ein Mallorca-Schwachpunkt bleibt aber leider unverändert: Die diversen Beachbars an den Stränden hat die Gourmet-Revolution auf der Baleareninsel nicht erreicht. Dort, so sei es geklagt, ist man noch immer froh, wenn man die Nudeln nicht matschig und den Fisch nicht zu trocken serviert bekommt.

Ganz anders die Situation im östlichen Mittelmeer. Während Mallorca mit seinen gepflegten Restaurants auftrumpft, spielt sich das wahre Gourmet-Leben auf Mykonos am Strand ab. Laut und einfacher tagsüber, wenn die sonnengebrutzelten Feinschmecker von der Liege zum Beach-Lunch kommen. Deutlich feiner und qualitativ hochwertiger am Abend, wenn die Badegäste und Strandläufer sich ins abendliche Nachtleben der engen Gassen der Hauptstadt Chora begeben haben.

Nummer 1 der Strandrestaurants ist das relativ neue Spilia am Agia Anna Beach. „Spilia“ bedeutet eigentlich Höhle, und so ist es auch angelegt – zwischen Terrassen und kleinen Caves auf verschiedenen Ebenen. Und von überall hat man einen wunderbaren Ausblick aufs Meer, romantischer geht’s nicht mehr. Aber die Romantik hat ihren Preis, was übrigens für ganz Mykonos zutrifft. Seit die Insel zum „hippsten Platz im Mittelmeer“ avanciert und die Mehrwertsteuer drastisch erhöht worden ist, lässt es sich auf Mykonos zwar gut Urlaub machen, aber das kostet auch entsprechend.

Im Spilia können die Lobster-Spaghetti 50 Euro und ein im Ganzen gebratener Fisch für zwei Personen locker 100 Euro kosten. Selbst die Weine, die zu einem Gutteil aus der Gegend (Santorin!) kommen, reißen ein Loch in die Geldbörse, weil die Inselgastronomen den Einkaufspreis durchaus einmal verzehnfachen. Nach dem Tenor, von irgendwas müssen wir ja leben und die Schulden zurückzahlen. Ergebnis: Ein durchaus ordentlicher, aber einfacher Wein steht dann mit 80 Euro auf der Karte.

Aber zurück an den Strand. Etwas erfreulicher, was die Preise betrifft, wird im Scorpios am Paraga Beach im Südwesten kalkuliert. Benannt nach der Privatinsel von Onassis, der gemeinsam mit Jackie Kennedy Mykonos auf die Landkarte der Schönen und Reichen gesetzt hat. Im Scorpios werden hervorragende Mezze, griechische Vorspeisen von Hummus bis Tzatziki, frischeste Ceviche vom Fang heute Morgen, Filet vom Wolfsbarsch oder vom Tuna sowie Steaks aller Art vom offenen Grill angeboten.

Wer es auch am Abend am Strand lauter haben will, der bucht entweder bei Jacky O’ (wieder so eine Erinnerung an die zweite Onassis- und erste Präsidenten-Frau) direkt am berühmten Paradise-Beach oder im meist überfüllten Nammos am benachbarten Psarou Beach. Eine Art griechische Ausgabe des Saint-Tropezer Club 55 – nur mit dem Unterschied, dass der griechische Club auch am Abend offen ist. Denn da geht im Nammos die Dinner-Party erst los. Im letzten Sommer hat – das ging durch die internationale Presse – eine Gruppe offensichtlich steinreicher Libanesen eine Rechnung von 59.000 Euro produziert, wobei der Schwerpunkt beim Trinken gelegen sein dürfte …

Noch zwei sachdienliche Hinweise für alle, die auch nach einer einfacheren, aber trotzdem guten Adresse suchen. Das Kiki, eine kleine rustikale Taverne oberhalb vom Agios Sostis Beach, ist legendär auf Mykonos. Eigentümer Kiki nimmt keine Reservierungen an, da muss man anstehen, und eine Wartezeit von bis zu 1,5 Stunden kann im Hochsommer leicht passieren. Für die Wartenden schenkt Kiki dann Landwein aus. „Ausnahmen mache ich nicht, so prominent können die gar nicht sein“, das musste auch Kim Kardashian einsehen. Dafür gibt’s nachher Riesenportionen griechischen Salat, ein halbes Hendl, einen Lammbraten oder einen im Ganzen gegrillten Fisch. Ein Erlebnis ist das Ganze allemal.

Ein bisschen zivilisierter, aber trotzdem urig geht es im Südosten zu. Gegenüber vom Strand von Kalafatis hat Petrino Aquarius seine gleichnamige Taverne. Ehrlich: Der Fisch, die Calamari, die Gambas sind genauso gut wie in den Beach-Restaurants, aber sie kosten nur die Hälfte – und die freundliche Bedienung macht mehr gute Stimmung als in den hochpreisigen Refugien.

Während gastronomisch an den Stränden von Mykonos mehr Freude als in Mallorca aufkommt, gibt’s im Gourmet-Bereich noch immer deutlichen Nachholbedarf. Zwar haben sich seit einiger Zeit Nobu und Hakkasan auch auf der griechischen Insel angesiedelt, doch sollten qualitäts- und preisbewusste Urlauber einen großen Bogen darum machen. Vor allem die Küche im Matsuhisa (Nobu darf es offiziell nicht heißen) ist im sommerlichen Andrang überfordert – und fast 500 Euro für zwei Personen ist wohl etwas übertrieben.

In Chora, der sympathischen Hauptstadt mit den vielen engen Gässchen und den unzähligen Restaurants, heißt es, die Touristenfallen zu vermeiden. Daher drei Tipps für die Feinschmecker im Wirtshaustrubel: Romantisch und stylish präsentiert sich das Interni mit wunderschönem Innenhof, der von Designerin Paola Navone durchgehend weiß gestaltet wurde. Die Küche ist griechisch-asiatisch, ideal für einen schönen Abend zu zweit. Das M-eating kommt einem Gourmetlokal am nächsten, griechische Spezialitäten werden dekonstruiert, neue überraschende Kombinationen stehen auf der Speisekarte. Das Lamm sous-vide mit Melanzanipüree, die Hühnerbrust gefüllt mit getrockneten Tomaten und das Fischfilet in einer griechischen Savory-Sauce mit 18 verschiedenen Ingredienzen. Und der beste Fisch der Hauptstadt kommt im Koursaros in Little Venice in der Nähe des alten Hafens auf den Tisch. Dort werden die garantiert frischeste Ceviche, Tatakis von allem, was im Meer schwimmt, sowie gemischte Fischplatten jeder Art serviert. Wer Meeresküche liebt, ist im Koursaros prächtig aufgehoben.

Zu guter Letzt aber auch noch ein Hinweis für Familien, die es einerseits gemütlich und andererseits auch preiswert haben wollen. Zwischen den berühmten Windmühlen und dem Hafen hat sich seit letztem Jahr ein Ableger der Nice n Easy-Familie aus Athen angesiedelt. Garantierte Bioqualität und die schönste Terrasse am Meer laden mit gemütlichen Sitznischen ein. Die Kinder können ein bisschen herumlaufen, und das Essen ist erstklassig, ob es jetzt die Fischrogen-Creme oder die gebratenen Calamari sind, der selbst ausgewählte Fisch vom Kühlwagen oder Pasta für die Kleinen. Alles erschwinglich, auch der weiße Assyrtiko aus Santorin oder der rote Syrah aus Makedonien.

Mallorca oder Mykonos? Natürlich hinken alle Vergleiche – vor allem, wenn es um zwei so grundverschiedene Inseln im Mittelmeer geht. Aber vielleicht können wir uns ja auf einen Schlussstrich verständigen. Beide sind auf dem Vormarsch, auf beiden kann man heute wirklich gut essen – auf Mykonos besser am Strand und in Mallorca besser in der Stadt. Und beide stellen unter Beweis, dass Urlaubsgenuss auch seine kulinarische Seite hat.

MALLORCA

Fosh
www.marcfosh.com

The Lab / The Kitchen
www.abc-mallorca.de

Emilio Innobar
www.emilioinnobar.com

Joan Marc
www.joanmarcrestaurant.com

Ca Na Toneta
www.canatoneta.com

Santi Taura
www.restaurantsantitaura.com

Sal de Cocó
www.restaurantsaldecoco.com

Tast
www.tast.com

Forn de Sant Joan
www.forndesantjoan.com

MYKONOS

Spilia
www.spiliarestaurant.gr

Scorpios
www.scorpiosmykonos.com

Jacky O’
www.jackieomykonos.com

Nammos
www.nammos.gr

Kiki’s Tavern
Strand von Agios Sostis

Matsuhisa Mykonos
www.belvederehotel.com

Interni
www.interni-restaurant.gr

M-eating
www.m-eating.gr

Koursaros
www.koursarosmykonos.gr

Nice n Easy
www.niceneasy.gr