AlaCarte Logo

Keep Calm and Drink on

Es ist ja keine Neuigkeit, dass die... mehr


     A la Carte auf Facebook
    A la Carte-App auf iTunes

Der Erdling

Wenn man den weitgereisten Gärtner Tristan Toe fragt, wo seine Wurzeln liegen, so antwortet er: „Meine Kinder sagen, wir sind Erdlinge. Das gefällt mir!“ Und ist in jedem Fall überaus passend. Die Pflege des Bodens spielt bei dem leidenschaftlichen Biogärtner schließlich eine enorm wichtige Rolle.

Text von Elisabeth Ruckser ⁄ Fotos von Michael Reidinger


Es ist eine Art kleines, in sich ruhendes Universum, das sich auftut, wenn man die beiden Kilometer Schotterstraße von der letzten Abzweigung bis hierher zurückgelegt hat. Ein paar Häuser stehen in einer sanften Wald- und Wiesen-Landschaft, Gemüsefelder voller üppiger Vielfalt säumen den Weg, und auf einer kleinen Weide sind Schafe und Hühner zuhause. Holzskulpturen erheben sich aus dem Gras, und Buchstaben aus Zweigen tanzen auf Seilen, die zwischen Birnbaumästen gespannt sind. „Ja, genau!“ formen sie in eckigen Lettern.

Willkommen auf dem Wachtberg. Seit mehr als 25 Jahren ist die idyllische Enklave für das Projekt „Kunst in der Natur“ bekannt. Seit drei Saisonen ist sie auch Heimat des Gemüsebetriebs „Biosain“.

Tristan Toe und seine Frau Jahwezi Graf betreiben hier ihre sehr spezielle Landwirtschaft. Tristan, der Gärtner mit französisch-chinesischen Vorfahren, wurde in Lyon geboren. Lange Zeit war er in Mali daheim, in Frankreich hat er später Gartenbau studiert. Nun lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern im niederösterreichischen Kamptal. Vielfalt ist am Wachtberg gelebter Alltag. Man spricht Französisch und Waldviertlerisch, reist (nicht nur, aber sehr gern auch) kulinarisch durch Welten und Kulturen. Und schupft gemeinsam den Laden namens „Biosain“ – zusammen mit Freunden, Mitarbeitern, freiwilligen Helfern und Familie. Denn Arbeit gibt’s tagtäglich bis zum Abwinken.

„Der Sommer war heuer nicht einfach, es war unglaublich trocken im Waldviertel“, sagt Tristan etwa gerade. Dennoch sprießt es rundherum in allen Farben und Geschmäckern des Herbstes: Endivien und Sellerie, Radicchio und Rüben, Erdäpfel, Kraut, Kohlrabi, Karotten, letzte Zucchini oder Paprika und sogar Chicorée reifen reihum. In den Gewächshäusern, wo noch vor Kurzem dicht behangene Paradeiserstauden rankten, wachsen jetzt Wintersalate, Knoblauch, Mangold und Feldsalat, Koriander und Grünkohl. „Jetzt beginnt die Zeit der Winter­gemüse, und die ist vielfältig wie ein zweiter Frühling“, sagt Tristan dazu.
Dabei ist der Wachtberg alles andere als ein Schlaraffenland für Gärtner. Die Böden sind karg, sandig, speichern ­wenig Wasser oder lassen es in Sturz­bächen abrinnen. An manchen Stellen liegt nicht mehr als zwei, drei Handbreit Erde über dem Felsen. „Schau“, sagt Tristan und hält einen Rettich in der Hand, den er soeben aus der Erde geholt hat und dessen Hauptwurzel nach etwa 15 Zentimetern scharf um die Ecke biegt, „da siehst du genau, wie tief mein Boden ist. Das ist natürlich nicht einfach. Aber wenn was kompliziert ist, dann ist es etwas für mich“, sagt er und lacht. „Sag mir, wo das Problem ist, und ich finde eine Lösung.“

In den letzten drei Jahren hat er das System einer sogenannten biointensiven Landwirtschaft etabliert. „Das ist ideal für kleine Betriebe wie unseren. Ich pflanze viel auf relativ engem Raum.“ Fruchtgemüse, Blattgemüse, Kräuter und Blumen wachsen dicht an dicht in Etagen über- und nebeneinander. Und ergänzen sich perfekt. Wie das funktioniert? „Wenn der Boden die Kraft hat, dann geht das. Es ist ein System wie in der Natur – die einen Pflanzen geben, was andere brauchen. Man muss nur wissen, was zusammenpasst.“

Der Boden. Die Erde. Das ist das Lieblingsthema des Biogärtners. „Vor drei Jahren, als ich hier angefangen habe, gab es wenig Humus, der Boden war nährstoffarm und seicht.“ Tristan legte Hügelbeete an, schaufelte Wege und ordnete die Beete so, dass sie sich bequem per Hand be­arbeiten lassen. Handarbeit ist sowieso oberstes Prinzip. Zum Lockern der Erde setzt Tristan etwa eine Grelinette ein, ein altes Werkzeug, das französische Gärtner im Zweiten ­Weltkrieg mitten in Paris verwendeten, um mit wenig ­technischem Einsatz Gemüse anzubauen und die Bevölkerung zu versorgen. Selbst der Einsatz eines Messers zum Ernten wird nur geduldet, wo es unbedingt sein muss. „Ich hab’ mehr Ertrag, wenn ich Früchte oder Blätter pflücke, das ist kein Scherz. Wenn ein Blatt abgezupft wird, dann erkennt das die Pflanze und bildet neue Triebe. Schneidest du sie, bekommt sie einen Schock. Du magst ja auch nicht, wenn ich dir den Kopf abschneide, oder??“ Lachen gehört ebenfalls zum Gärtner-Alltag.

Um Humusanteil sowie Feuchtigkeit im Boden zu erhöhen, mulcht Tristan Beete und Wege mit dem Heu der Wiesen. Er arbeitet mit Kompost, setzt sogenannten Wurmtee an. Dazu wird ein Tontopf mit Erde gefüllt, darin werden möglichst viele verschiedene Wurmarten angesiedelt und regelmäßig mit organischen Substanzen wie Kaffeesud, Gemüseabfällen und Ähnlichem gefüttert. Das Konzentrat, das unten aus dem Topf in einen Kübel tropft, ist ein wahres Wunderelixier, das hochverdünnt aufgebracht wird und den Organismus Erde lebendig hält. „Du musst den Boden füttern, nicht die Pflanzen“, sagt Tristan gerne dazu.
Mindestens ebenso wichtig wie seine Pflanzen, die übrigens komplett aus eigener Nachzucht stammen, ist Tristan der Kontakt zu seinen Kunden. „Ich will wissen, wie mein Gemüse schmeckt, was die Leute dazu sagen und ob wir noch etwas verbessern können.“ Nicht zuletzt deshalb verkauft er ausschließlich in kleinem Rahmen an Endverbraucher. Heuer gab es versuchsweise Ernteanteilscheine nach dem System einer gemeinschaftlich finanzierten Landwirtschaft, Foodcoops in Wien werden beliefert, zweimal im Monat steht er auf dem Slow Food Markt der Erde im ­nahen Horn. Aktuell ist auch noch eine Kooperation mit dem Wiener Prater-Wohnprojekt „Viertel Zwei“ sowie mit den Stadtkreativen der „Creau“ im Entstehen. „Mal schauen, da werden wir nächstes Jahr vielleicht noch mehr gemeinsam machen.“ Bis dahin bleibt man am Boden des Kamptals. Wo er sein großes Wissen übrigens auch gerne in eigenen Garten-Workshops weitergibt, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Und was bedeutet eigentlich der Name? „Biosain“ haben Tristan und Jahwezi ihren Betrieb genannt. Nach Osain, dem Orisha der Pflanzenwelt und der Heilkräuter. Orishas sind die Götter der westafrikanischen Yoruba und so etwas wie personifizierte Naturgewalten. Osain im Speziellen verleiht den Pflanzen ihre Heilkraft. „Wir wollen Gemüse pflanzen und pflegen, das über solche Kräfte verfügt“, heißt es dazu auf der „Biosain“-Website. „Und nicht ­eines, das uns und unsere Böden vergiftet.“

www.biosain.at
Tristan Toe
Am Wachtberg 78, 3571 Gars/Thunau am Kamp
Tel.: 0680/321 65 21
Workshops:
bio-backschule.at/gartenschule