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Das Café der alten Dame

Eine wachsende Zahl an australischen Küchenchefs beschäftigt sich mit Lebensmitteln und Koch­techniken der Urbevölkerung. Aber was sagen die Betroffenen selbst, also die Aborigines, zu dieser ­Entwicklung? Über einen Besuch bei einer alten Dame, die sich für ihr Volk und seine Küche bereits ­eingesetzt hat, als von einem Trend noch keine Rede war.

Text & Fotos Georges Desrues

Laut Statistik müsste sie schon seit einem Vierteljahrhundert bei ihren Ahnen weilen, sagt Beryl Van-Oploo mit einem Lächeln. „Ich habe heuer meinen 75. Geburtstag gefeiert und die durchschnittliche Lebenserwartung einer Aborigine-Frau somit um 25 Jahre übertroffen“, fügt sie an. Tatsächlich liegt die Lebenserwartung der weiblichen Ureinwohner Australiens von Van-Oploos Generation bei gerade einmal 50 Jahren. Eine Statistik, die auf Australienbesucher schockierend wirkt. Genauso schockierend wie der Anblick jener verwahrlosten Aborigines, die in kleinen Gruppen durch die glitzernden Fußgängerzonen und die gepflegten Parks der australischen Städte streifen, meistens in Lumpen gekleidet, häufig betrunken und bettelnd. „Sie sind gestrandet zwischen zwei Welten“, sagt Van-Oploo, „die Kultur und das Leben im Einklang mit der Natur, das ihre Vorfahren über zehntausende Jahre gelebt haben, gibt es für sie nicht mehr. Und in der neuen modernen Welt finden sich viele meiner Leute nicht zurecht.“ Um zumindest einige jüngere unter ihnen vor einem solchen Schicksal zu bewahren, hat Van-Oploo, die alle nur Aunty, also „Tantchen“ Beryl nennen, bereits vor einigen Jahren eine Kochschule ins Leben gerufen.

Dort lernen die jungen Aborigines kochen, kellnern oder auch einfach nur, eine Espressomaschine zu bedienen. „Ganz egal, was sie lernen, wichtig ist, dass sie einer geregelten Arbeit nachgehen, in der Früh aufstehen und ein Zuhause haben, in das sie am Abend zurückkehren können“, betont Aunty Beryl. Für die meisten der jungen Aborigines in ihrer Obhut ist das der Fall, selbst wenn einige unter ihnen häufig wieder verschwinden, tagelang nicht zur Arbeit erscheinen und dann doch wieder auftauchen. „In ­solchen Fällen müssen sie den Kurs von Neuem beginnen, erst wenn sie ihn abgeschlossen haben, ohne Probleme zu machen, stellen wir ihnen ein Diplom aus, mit dem sie auf Arbeitssuche gehen können.“ Immerhin siebzig Prozent von ihnen gelingt es, im Arbeitsleben Fuß zu fassen, einige sind in dem Café namens „Gardener’s Lodge“ angestellt, das Aunty Beryl vor zwei Jahren in einem der ältesten Gebäude Sydneys eröffnet hat. „Das war wie ein Traum, der in Erfüllung geht, wir sind hier nicht weit von der Uni und in einem Park, umgeben von Pflanzen, Blumen und ­Vögeln. Und nahe der Aborigine-Vergangenheit, denn hier gab es einst ein Wasserloch, das unseren Vorfahren als Versammlungsplatz diente“, sagt sie.

Sie selbst gehört dem Volk der Kamilaroi an, aufgewachsen ist sie in einem Reservat, mit 17 Familienmitgliedern in einer einzigen Hütte, jeweils vier davon mussten sich ein Bett teilen. „Wir lebten von dem, was die Natur hergab, sammelten Wildpflanzen und bauten Gemüse an“, erzählt sie. Mit 16 kam sie nach Sydney und fand eine Anstellung als Nanny bei einer wohlhabenden Familie. „Damals gab es für eine Aborigine-Frau nur zwei Möglichkeiten, einen Job zu finden: Entweder du wurdest Nanny oder Hausbedienstete“, betont sie. Doch sie traf es gut, die Familie unterstützte ihre Ausbildung. Sie studierte Ernährungswissenschaften und war unter den allerersten zehn weiblichen Aborigine-Lehrern, die an der Universität ihren Abschluss machten und ­unterrichten durften. 2010 fuhr sie zur Terra Madre nach Turin, um über bedrohtes Wissen von Naturvölkern im Bezug auf Lebensmittel zu sprechen. „Terra Madre war einer der schönsten Erfolge meines Lebens“, erinnert sie sich, „all diese Menschen aus der ganzen Welt, die zusammenkommen und dir zuhören. Es war einfach umwerfend.“ Auch in diesem Jahr sollte sie wieder nach Turin fahren, ob ihre Gesundheit die lange Reise zulässt, stand zu Redaktionsschluss allerdings noch nicht fest.

Spätestens seit der dänische Superstar-Koch René Redzepi im vergangenen Frühjahr ein Pop-up-Restaurant in Sydney betrieb und fast ausschließlich mit autochthonen Zutaten kochte, vertiefen sich zahlreiche australische Köche in das Wissen und die ­Küche der Aborigines – für Aunty Beryl eine positive Entwicklung. „Noch vor wenigen Jahren war es in Sydney so gut wie unmöglich, Kängurufleisch oder ähnliche autochthone Lebensmittel zu bekommen, das ist heute anders“, nennt sie ein Beispiel. „Einen großen Teil meines Lebens lang hat sich die australische Gesellschaft kaum für unsere Zivilisation interessiert, geschweige denn für unser Essen. Nun hat man endlich erkannt, dass unsere Kultur zu mehr taugt als nur dazu, Touristen ins Land zu locken.“

Auch im „Gardener’s Lodge Café“ wird zumindest einmal in der ­Woche ein sogenannter Bushtucker-Abend veranstaltet, bei dem solche Zutaten verkocht werden, die schon seit Jahrtausenden am Ernährungsplan der Aborigines stehen, darunter diverse Wildpflanzen wie etwa die aromatische Zitronenmyrte, die frische Fingerlimette oder der leicht bittere Warrigal-Spinat, aber auch Wallaby- und Krokodilfleisch und Insekten. Um die Beschaffung der Zutaten kümmert sich Molly. Die 24-Jährige ist bereits seit einigen Jahre dabei, über ihre negativen Erfahrungen will sie nicht ausführlich sprechen. „Mit 16 wurde ich schwanger, was ich bis zum siebten Monat geheim hielt, nach der Geburt habe ich dann die meiste Zeit auf der Straße verbracht, getrunken und Drogen genommen“, sagt sie nur. Vor ein paar Jahren hat sie den Kurs absolviert, inzwischen hat sie ihr Leben im Griff. Und ihr Sohn lebt wieder bei ihr.

„Das Wichtigste, das die Jungen hier mitnehmen können, ist Selbstachtung“, wirft Aunty Beryl ein, „und der Weg dahin führt nicht zuletzt über Ernährung und Lebensmittel. Viele Aborigines leben völlig ungesund und haben die Bedeutung von Essen als Ernährung verloren, sie sind süchtig nach Junkfood und kennen keine geregelten Mahlzeiten, was zweifellos einer der Gründe für unsere niedrige Lebenserwartung ist.“ Darum fange der Unterricht auch beim Anfang an, beim Lernen über frische und ­gesunde Lebensmittel und wie man sie zubereitet. Denn damit, betont Aunty Beryl, sei der erste Schritt zu einem besseren Leben schon getan.

Gardener’s Lodge Café
Ecke City Road und Parramatta Road
Camperdown NSW 2050, Australien
Tel.: +61/(0)2/9518/42 87
gardenerslodge.com.au