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Against the Wind

Wenn ein Revolutionsführer auf einen Winzer trifft, entstehen daraus Weine, die gegen den Strich gebürstet sind. Ein Querdenker aus Neusiedl zeigt der Welt wie burgenländischer Riesling geht.    

Text von Christina Fieber · Fotos von Christof Wagner

Betritt man Hans Peter Harrers Weinkeller, kapiert man sofort, dass die Dinge hier ein wenig anders laufen. An der Wand hängt ein riesiges Bild des legendären Revolutionsführers Che Guevara, genannt „El Comandante“. Das Relikt eines feuchtfröhlichen Kubafestes habe einfach gut in die nüchterne Halle gepasst, erklärt der Winzer. Che Guevara ist eine Ikone der 68er-Bewegung und Synonym für Widerstand und Rebellion. Auch wenn sich der Winzer nicht völlig mit den politischen Botschaften des Revolutionsführers identifiziert, ist es zumindest eine Koketterie mit dessen Ideen.  

Harrer ist ein kritischer Geist. Seine stechend klaren Augen und der herausfordernde Blick unterstreichen diesen Eindruck. Das Weingut ­gehörte dem Großvater und wurde lange als Heuriger geführt, später ­verkaufte der Vater die Trauben. Hans Peter Harrer übernahm es als 30-Jähriger – bis dahin war er Kältetechniker und hatte mit Wein nichts zu tun. Dabei kam er in viele Weinbetriebe und konnte sich einiges an önologischem Wissen aneignen.

„Allmählich leckte ich Blut“, erinnert er sich, „ich war einfach nur neugierig, probierte ein wenig herum.“ Mit der Zeit zweigte er immer mehr Trauben aus den besten Lagen für eigene Zwecke ab. Heute baut er die Hälfte selbst aus. Die andere Hälfte liefert er an so renommierte Betriebe wie Gernot Heinrich oder Judith Beck. Die ­Lagen dürften also wirklich gut sein.

Die sicheren Einnahmen durch den Traubenverkauf geben ihm die Freiheit, seine Weine so zu machen, wie sie ihm schmecken. Ohne Kompromisse. Harrer ist auch nicht wirklich der Typ, der leichtherzig Zugeständnisse macht.

Wie der Winzer, so die Weine: geradlinig – zuweilen auch provozierend. Sie fackeln nicht lange herum. Schon der Rosé vom Pinot noir zeigt Haltung: kein Himbeerwasser, sondern richtiger Wein. Auch der Welsch­riesling ist viel mehr als nur belanglose Jausenbegleitung. 

Wenn er über Weingeschmack spricht, kommt Harrer auf Betriebs­temperatur: Er hat etwas gegen gleichgeschaltete Weine, die jeglicher Lebendigkeit beraubt und bis zur Unkenntlichkeit kastriert wurden: „Ich will keine Limonade machen, sondern Weine für mündige Trinker, die nach einer sensorischen Herausforderung suchen!“ Er ist überzeugt, dass das immer mehr werden.

Zum Landessieger taugen seine Gewächse nicht, dafür sind sie zu unangepasst. Missionieren will er aber niemanden. Er gibt sich erst gar nicht der Illusion hin, das System ändern zu können. Das unterscheidet ihn von Che Guevara. „Mit Politik habe ich nichts am Hut, ich möchte nur einfach mein Ding machen!“, beschwichtigt er.

Seinen Rotweinen kann man jedenfalls nicht vorwerfen, konformistisch zu sein: Ohne Restzucker und andere Verzärtelung vermitteln sie eine Idee davon, was Regionalität wirklich bedeuten könnte. Vor allem der „Blaufränkisch vom Kalk“ zeigt Herkunft ohne Volkstümelei. Reifer Gerbstoff, Säure, ein Hauch von Frucht und ganz viel Neusiedler See. 

Ganz oben von seinen Weinbergen sieht man ihn, den See. Im milden Licht der Abendsonne hat man das Gefühl, als würden die Rebzeilen vom Wasser verschlungen.

Von Beginn an arbeitete Hans Peter Harrer biologisch, seit 2012 ist er zertifiziert biodynamisch. Für ihn ist das aber nicht nur ein Siegel, sondern eine Haltung. Seine Weingärten sind keine „Schönbrunn-Weingärten“, wie er penibel gepflegte Rebanlagen ­gerne nennt. Es wuchert nur so von Heilpflanzen und -kräutern – er kennt jede einzelne und weiß um ihre Wirkung. Es sei ein natürlicher Kreislauf, der sich selbst reguliere. Die Biodiversität biete nicht nur Lebensraum für Nützlinge, sie habe auch andere Vorteile: Das Wurzelwerk speichert Wasser, der Boden heizt sich auch bei großer Hitze nicht auf. So erspart man sich künstliche Bewässerung. Regenwürmer, Käfer und Asseln lockern den Boden auf, selbst Mäuselöcher dienen als Wasserreservoire. Greift man in diesen Kreislauf ein, um „Unkraut“ rund um den Rebstock zu eliminieren, zerstört man das Bodenleben. Herbizide wie Glyphosat vernichten nicht nur die Mikroorganismen in der Erde, sondern auch alle Insekten und Regenwürmer.

Harrer wundert sich manchmal, wie scheinbar sorglos solche Mittel eingesetzt werden. Es sei ein Rattenschwanz, glaubt er. Wenn die Reben schon im Weingarten künstlich am Leben erhalten werden, muss man häufig auch im Keller intervenieren, um den Wein zu stabilisieren.

Der Winzer spielt sich gerne mit verschiedenen Stilistiken: Einige seiner Weißweine werden auf der Maische vergoren. So auch der Traminer Ried Froschau, der von 90 Jahre alten Rebstöcken kommt: reine Essenz. Die Gerbstoffe lassen erst gar keine kitschige Frucht aufkommen. Nichts an diesem Wein ist derb oder aufdringlich, wie man es bei Traminern so fürchtet. Auch der Riesling wird auf der Schale vergoren. Er duftet nach all den Kräutern, die in den Weinbergen wachsen. Kein Opportunist, eher ein Systemverweigerer – und vielleicht gerade deshalb so köstlich. Riesling aus dem Burgenland ist schon eine Kampfansage, burgenländischer Riesling maischevergoren ein Guerillakrieg. Es gibt nur wenige Winzer, die sich da drüber trauen.

Nächstes Jahr will er einen Welsch­riesling abfüllen, der keine Erwartungen mehr erfüllt. „Gegen den Wind“ soll er heißen, und so wird er vermutlich auch schmecken. Noch gärt er im Fass.

Weinbau H. P. Harrer
Obere Hauptstraße 59
7100 Neusiedl am See
Bezugsquelle:
www.vinonudo.at