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Die Prolo-Brauser als Luxus-Loser

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Grenzfall Melancholie

Wir blieben nach dem Essen sitzen. Das war nichts Außergewöhnliches. Gibt es etwas Schöneres, als nach einem Essen in einem anständigen Hotelrestaurant sitzen zu bleiben und zu wissen, dass man heute nur noch den Weg zurück aufs Zimmer finden muss?

Text: Christian Seiler   Illustration: Markus Roost

Nicht einmal ein Zahlkellner kam an den Tisch, um uns daran zu erinnern, dass der Spaß, den wir gerade gehabt hatten, auch seinen Preis haben würde. Stattdessen winkten wir noch einmal Rudi, um ihn zu bitten, eine weitere Flasche unseres Weins zu öffnen.

Weil das war so: Die Weinkarte im "Haus Hirt" war übersich­tlich. Ich habe nun gar nichts gegen übersichtliche Wein­karten, solange die richtigen, wie sagt man? Positionen? darauf zu finden sind. In unserem Fall handelte es sich bei der richtigen Position um den wunderbaren Blaufränkisch Eisenberg von Uwe Schiefer. Dieser Wein, wiewohl günstig und deshalb bei den Genießern, die sich über die Qualität ihrer Rohstoffe in der rechten Spalte der Karte informieren, in minderem Ansehen, begleitete uns seit Tagen in die Nacht. Der Wein schmeckte würzig und klar. Einen tiefen Schluck zu nehmen, hieß in die Dunkelheit des Gasteinertals hinauszuschauen, den Duft nach Salz und Glut durch weit geöffnete Nasenflügel einzusaugen und für einen Augenblick das Rot des herbstlichen Weinlaubs am Eisenberg aufblitzen zu sehen. 

Aber Rudi winkte ab.

"Der Eisenberg ist ausgetrunken."

Das war ... enttäuschend ist nicht das richtige Wort. Die Botschaft, die unser Nachtfreund Rudi gerade leichten Herzens überbrachte, warf alle unsere Pläne durcheinander. Unsere Abende, die wir zuerst im Restaurant und dann an der Bar des "Hirt" zu verbringen pflegten, waren nicht zuletzt deshalb so stimmungsvoll, weil wir vom richtigen Treibstoff beseelt waren. Was nun?

Wir starrten in die Weinkarte wie in eine leere Mantel­tasche, in der der verlorene Schlüssel auch beim zwölften Mal Nachschauen nicht zu finden ist. Es gab zwar ein paar durchaus namhafte Rotweine, die aber alle nicht das versprachen, was der Eisenberg so souverän hält: Klarheit und Reife ohne Großmannssucht und Holzhammeraromen. 

Rudi konnte in unseren Gesichtern lesen, dass wir getröstet werden mussten. Er bat uns aus dem Speisesaal an die Bar.

"Kleine Überraschung", sagte er. "Fünf Minuten."

Bad Gastein ist ein erstaunliches Reiseziel, und das "Haus Hirt" ist ein Glücksfall. Das Hotel hat sich nicht in die Unausweichlichkeit alpiner Klischees geschickt wie fast alle anderen Wintersporthotels Österreichs, sondern präsentiert sich in bunter Vintage-Eleganz. Die kräftigen Farben an den Wänden wären für die meisten Plätze der Welt zu bunt, aber hier behaupten sie etwas so Notwendiges wie Zeitgenossenschaft. Die Lobby ist luftig, mit ein paar schicken Sitzmöglich­keiten, aber das Wichtigste ist, dass täglich vernünftige Zeitungen ausliegen und nicht die Normal­- ausstattung der geistigen Economy-Class. Es klingt merkwürdig, aber ich bin überzeugt, dass es stimmt: Allein die Anwesenheit von zwei täglichen Exemplaren der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verändert ein Raum-klima intensiver als ein noch so großer Luftbefeuchter.

Von der Lobby über ein paar Stufen in die Bar. Die Bar ist der Platz, den ich am liebsten eingepackt und mit nach Hause genommen hätte. Ledersessel aus den Siebzigern, in denen man am Tresen lungern kann. Eine Batterie von Flaschen, aus denen ich nicht klug werde, weil ich bunte Getränke, ausgenommen Rotwein und Kaffee, nicht zu mir nehme. Kleine Lautsprecher, aus denen immer wieder wunderbare Musik strömt, so dass ich die Shazam-App meines iPhones bemühen muss, um herauszufinden, wer diese schönen Songs spielt. Kurt Wagner und Cortney Tidwell. Richard Hawley. Tord Gustavsen.

Rudi wusste es nämlich nicht. Und jetzt wollte sich Rudi dafür revanchieren, dass wir dauernd etwas von ihm wissen wollten, was er nicht beantworten konnte.

"Blindverkostung", sagte er und schob uns so ziemlich alle Schnapsgläser unter die Nase, die er in seinem Schrank ge­funden hatte. Das Problem: Sie waren voll. Sie waren gefüllt mit durchsichtigen Essenzen, und Rudi sagte: "Wenn ihr erratet, was in den Gläsern drinnen ist, setze ich mich persönlich ins Auto und organisiere bis morgen Abend eine neue Position ,Eisenberg‘."

Darf ich den Mittelteil überspringen?

Der Schluss lautet: Rudi nahm in der Früh das Auto, und wir gingen an die Luft. Der Nationalpark-Ranger wollte mit uns schneewandern gehen.

Wir fuhren vorbei an der eleganten Kulisse des ehemaligen Grandhotels, der Straße entlang, Blick nach links, auf die Dächer des Ortes, der fast die Gesichtszüge einer Stadt trägt. Vorbei am Bahnhof und der hinter dem Stationsgebäude in Stellung gegangenen Talstation der Stubnerkogel-Bahn, Blick nach rechts, den Berg hinauf bis zu seinem vornehmen Gipfel, weit über der Baumgrenze. Der Straße entlang, die zum Talschluss hinaufführt, ein Mauthaus, Lawinenverbauungen, Tunnelabschnitte, in denen sich die Dunkelheit mächtig und hartnäckig eingenistet hat, doch dann, nach zwanzig Minuten, in denen das Auto energisch klettern musste, dieser Blick: die Hochebene Sportgasteins und die sich darum entfaltende Arena der Hohen Tauern. 

Ein monumentales Bild. Ein Herzklopfen-Bild. Schorfige Bergrücken steigen steil an und gehen in glänzend weiße Gipfelregionen über. Ein paar verstreute Häuser, Almhütten, Ställe für Kühe und Schafe, die im Sommer hier weiden, steckten tief im Schnee. Sie waren leer. Es war still. Nur der Wind pfiff. Der Wind pfiff so stark, dass die Kabinenbahn von Sportgastein, wie die hierher gepflanzte, hochalpine Skistation heißt, heute pausierte. Der große Parkplatz war leer. Der Nationalpark-Ranger stocherte im Kofferraum seines Jeeps nach den Schneeschuhen. Er klatschte in die Hände, um den Wind zu übertönen, und rief: "Auf geht's, Herrschaften!"

Wir schnallten uns die Schneeschuhe an, amöbenförmige Plastikschaufeln, die dafür sorgen, dass niemand im Schnee einbricht. Der Ranger marschierte los, den Berghang hinauf. Er gab den Rhythmus vor. Seine Schritte waren langsam und bedächtig. Wir bewegten uns eindeutig eckiger, mit weniger Routine. Dafür hinterließen wir Spuren wie der Yeti, und wenn Donald Duck uns beobachtet hätte, wäre er happy gewesen, seinesgleichen zu treffen. Wir schwitzten. Wir sahen Gämsen. Wir wurden erst wieder wir selbst, als wir auf der Nassfelderalm einen famosen Milchrahmstrudel verzehrten, während in der Küche gerade eine Wildsuppe gekocht wurde, und wir schworen uns, wieder hierher zurückzukehren – darauf warten wir übrigens bis heute, so wie der Hüttenwirt und die Wildsuppe.

Bevor Bad Gastein im 19. Jahrhundert zum kaiserlich-könig­lichen Hofkurort aufstieg, hatte es bereits eine weit weniger elegante Karriere absolviert. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde in Gastein so viel Gold gefunden wie nirgendwo sonst auf der Welt. Pro Jahr wuschen Goldgräber 800 Kilo Gold aus den Felsen und 3.000 Kilo Silber. Um die Schürfplätze siedelten sich Goldgräber an und deren Entourage. Das mittelalterliche Gastein hatte 9.000 Einwohner, das hieß: Großstadt, und der Reichtum der Gasteiner war sprichwörtlich.

Gleichzeitig entdeckten die Gasteiner die heilsame Wirkung der warmen Quellen, die aus dem Felsen sprudelten. Aus dem Jahr 1521 stammt die erste Erwähnung Gasteins als "Wildbad". Dieses Bad erfreute sich größter Beliebtheit unter den Anwohnern. In den Sommern dieser Jahre, heißt es, sei im Bad kein Platz frei geblieben.

Als die Goldvorkommen sich erschöpften, folgte ein tiefer Fall. Die Gegenreformation versprengte die wohlhabenden Protestanten, Gastein verödete und verarmte. Der fiebrigen Epoche des Goldbergbaus folgten Jahre der Dunkelheit, Seuchen und Naturkatastrophen. Bis zum Jahr 1791, als im Herzen Gasteins das "Badeschloss" errichtet wurde, herrschte vollkommene Stagnation. Es brauchte die Energie aristokratischer Fürsprache, um die verlassene Goldgräberstadt in ein elegantes Kurzentrum zu verwandeln. Der öster­reichische Kaiser Franz I. unternahm 1807 als erster Potentat einen Lokalaugenschein in Gastein und veranlasste die professionelle Fassung der Quellen. Sein Bruder, Erzherzog Johann, kümmerte sich darum, dass das Wasser auch dorthin transportiert werden konnte, wo es auf bequeme Weise zu verwenden war, in die Hotels. Und das internationale Publikum verfolgte den Aufstieg des "Wildbads" zum "Weltbad" mit teilnehmender Beobachtung.

Die Liste der Prominenz, die sich in den folgenden Jahren in Gastein einfand, ist lang und imposant. Sie reicht vom österreichischen Kaiser Franz Josef mit seiner bezaubernden Sisi bis zum Deutschen Kaiser Wilhelm I und dessen Reichskanzler Bismarck, von Franz Grillparzer bis zu Franz Schubert, Arthur Schopenhauer, Thomas Mann und unzähligen Bewunderern und Zaungästen. 

Man kann sich vorstellen, wie die Hoteliers zu jubilieren begannen. An steilen Hängen, rund um den Gasteiner Wasserfall, entstanden luxuriöse Häuser, Art Deco-Hütten und Jugendstilvillen eroberten die Wildnis. Gastein, inzwischen zu Bad Gastein aufgestiegen, nahm die Gestalt eines mondänen Urlaubsorts an. Als schließlich die neu gebaute Tauernbahn die Anreise, die bis dahin nur mit Pferdefuhrwerken möglich gewesen war, verhältnismäßig einfach und schnell machte, platzte Bad Gastein aus allen Nähten. Wer am Talschluss kein Zimmer bekam, wich nach Hofgastein oder Dorfgastein aus, wohin per Wasserleitung ebenfalls Thermalwasser geliefert wurde. 

Natürlich war ich baden. Ich liebe Thermalwasser. Du plantschst ein bisschen darin herum, dann überfällt dich eine heilige Müdigkeit. Ich liebe heilige Müdigkeit, vor allem, wenn es, wie in der blitzmodernen Therme in Hofgastein, einen Ruheraum mit Wasserbetten gibt. Ich war also schwimmen, machte einen Abstecher in die Sauna, wälzte mich vorschriftsgemäß nackt im Schnee – wobei ich insgeheim eine wohltemperierte Dusche durchaus vorziehe –, dann zog ich mich in den Ruheraum mit den Wasserbetten zurück. Erstaunlicherweise war ich hier ganz allein. Neben den Betten wuchsen Kabel aus der Wand, an deren Enden sich Kopfhörer befanden, aus denen Entspannungsmusik zirpte. Ich schlief sofort ein. Ich wachte erst auf, als mich ein freundlicher Herr mit einem Besen in der Hand sanft weckte und daran erinnerte, dass der Abend weit fortgeschritten sei und er jetzt sauber machen wolle. 

Im "Haus Hirt" an der Bar machten sie sich schon Sorgen um mich. Rudi hatte insgeheim Angst, dass ich an den Spätfolgen der Schnapsverkostung vom Vorabend leide und in die Abstinenzlerklause umgezogen sei, aber weit gefehlt: Ich hatte von keinem der Schnäpse auch nur genippt, sondern nur an der Duftsäule über dem Glaszylinder geschnuppert – was einzig bei dem Gläschen mit Gasteiner Quellwasser, das Rudi, der Schelm, zwischen die Obstbrände geschmuggelt hatte, für vorübergehende Ratlosigkeit sorgte (Wasserbrand?).

Bad Gastein war einmal. Im Zentrum Bad Gasteins, an der Fassade des Hotels Straubinger, hängen Schilder, die an alle erinnern, die einmal hier gewesen sind. 

Johann Strauß, Schubert, der Kaiser. Vergessen wir aber bitte nicht Witzigmann und Jörg Wörther, ohne die die Geschichte der modernen österreichischen Küche anders verlaufen wäre. 

Das wissen die Bad Gasteiner natürlich auch, deshalb haben sie ihren kulinarischen Helden ein Denkmal gesetzt: Je eine Gondel, die von Downtown Gastein auf den Stubnerkogel schaukelt, trägt den Namen der Köche des Jahrhunderts und des Jahrzehnts (wobei ich ja finde, dass Wörther allein für seine Klachlsuppe mit Schnecken zum Koch von immer und überall befördert werden müsste. Hier das Rezept, zu Ehren Wörthers und seiner Heimatgemeinde:

Klachlsuppe mit Schnecken

¼ l Wasser oder Suppe

¹⁄8 l Weißwein

1 Seidel Bier

1 kleine Zwiebel (geviertelt)

1 Karotte (würfelig)

2 EL Knollensellerie (würfelig)

2 EL Petersilwurzel (würfelig)

1 Knoblauchzehe

etwas Majoran

etwas Kümmel

300 g Schweinebauch

40 g Butter für den Sud

Salz

1 EL gehackter Majoran

1 EL gehackte Petersilie

24 küchenfertige Schnecken

40 g Butter

kleine Knoblauchzehe (angedrückt)

Zubereitung: Sämtliche Zutaten für den Würzsud aufkochen (nicht salzen). Den Schweinebauch hineinlegen und zugedeckt etwa 2 bis 2,5 Stunden weich kochen. Den weich gekochten Schweine­bauch aus dem Sud nehmen und kalt stellen. Sobald er kalt ist, in feine Scheiben schneiden. Den Würzsud abseihen und einreduzieren; mit Butter binden, salzen und die fein geschnittenen Scheiben vom Schweinebauch dazugeben. Mit frischem Majoran und fein gehackter Petersilie verfeinern.

Die Weinbergschnecken in aufgeschäumter Butter mit einem Hauch angedrücktem Knoblauch anbraten und zum Ragout geben.

Wörther wird übrigens der Küche des im Dezember neu eröffnenden "Schwarzacher" in Hinterglemm seinen Stempel aufdrücken, sozusagen in Reichweite seiner Heimatgemeinde Bad Gastein. 

Warum diese Konzentration an kulinarischer Begabung ausgerechnet am Ende einer Salzburger Talschaft? Es ist ja nicht so, dass man in Gastein permanent mit den Höhen des kulinarischen Schaffens konfrontiert wäre – außer man nimmt die Höhen wörtlich und kehrt in den diversen Gipfelrestaurants ein, davon gleich mehr. Vielleicht aber ist es auch die Absenz gehobenen kulinarischen Bewusstseins, die unsere Jahr­hundertzehnt-Köche anregte, ihre Kreativität sozusagen über den Umweg der eigenen Unzufriedenheit gären zu lassen.

Wir klapperten Gasteins Skihütten ab. Das war schön. Schön waren die Landschaft, die Sicht, das Panorama, das Wetter. Auch über die Getränke lässt sich nur Positives berichten. Der auf einen halben Liter aufgespritzte Apfelsaft war anständig, und das altmodische Getränk namens Skiwasser – ein mehr oder weniger übersüßtes Sirup­getränk – löschte ebenfalls ansprechend den Durst, wenn man mit Mineralwasser die Zuckerkonzentration hinunterfuhr. Auch über die Germknödel mag ich nicht schimpfen. Sie werden tiefgekühlt eingekauft, gewiss, aber ich akzeptiere ihre groteske Omnipräsenz auf sämtlichen Skihütten Österreichs wie die Tatsache, dass Menschen, die beim Gedanken an eine anständige Caprese in eine Gemüse-phobie ver­fallen, im Flugzeug mit einem Zungenschnalzen Tomatensaft bestellen. Das zweite Phänomen lässt sich gemäß einer Untersuchung der "Lufthansa" auf den Luftdruck in der Kabine zurückführen – vielleicht wirkt die Gasteiner Höhenluft analog auf das Germknödel-Zentrum in unserem 

Gehirn.

Klar, man könnte jetzt auch die Frage stellen, warum keine Hütte auf die Idee kommt, selbst Germknödel zuzubereiten – ich stelle sie nicht, denn ich möchte mir das Augenrollen von euch Hüttenwirten ersparen und den Vorwurf der Weltfremdheit. Doch, klar, ich kann mir vor­stellen, dass eine gar nicht so unkomplizierte Prozedur, die nötig ist, um Germknödel selbst herzustellen, in der Küche Geld kostet, weil dafür ein echter Koch und nicht nur ein Mikrowelleneinschalter benötigt wird. Aber ich will eben die Germknödel aus der Mikrowelle nicht essen, und wenn an dieser Stelle jemand fragt, was eine Mikrowelle auf einer Skihütte verloren hat, dann rufe ich begeistert: Genau! Was? und antworte energisch: nichts.

Rudi sagte dazu, als ich mich abends über die Qualität des Hüttenessens ausließ: "Nimm dir halt ein Bschoadpackerl mit." (Rudi stammt aus Ostösterreich – das Bschoadpackerl entspricht dort in etwa der europäischen Proviant­büchse.) Das tat ich dann auch, trotzig wie ich bin. 

Aber bis es so weit war, bestellte ich einmal zu oft Kässpätzle. Sie kamen in einer gusseisernen Pfanne, und sie waren bestreut mit Röstzwiebeln aus dem Sackerl. Das war zu viel für mich. Dass der Hüttenwirt in die Präsentation seines Essens mehr investiert – ich spreche jetzt absichtlich nicht über die schicken Lederhosen des Personals, und ganz besonders schweige ich über die elektronische Bestellaufnahmegerätschaft, die jeder Kellner am Körper trug, mit der er per Funk meine Germknödelbestellung in die Küche übermitteln konnte, vielleicht setzte er auch den Mikrowellenherd persönlich in Gang, denn jedes Gericht kam im Rekordtempo hinaus in die Landschaft, klar, jeder Tisch wollte pro Stunde zweimal verkauft sein, um die Investitionen für die Guss­eisenpfannen wieder hereinzuspielen – als in die Qualität des Essens. Nicht mit mir.

Abends tröstete mich Evelyn vom "Haus Hirt". Was ich erlebt hätte, sei nicht die ganze Wahrheit, sagte sie. Dann senkte sie die Stimme und flüsterte: "Probier die Hütte auf dem Graukogel."

Die Hütte auf dem Graukogel war eine Erlösung, so wie der Graukogel selbst eine Erlösung war – eine Erlösung vom Gedanken, dass ein Skigebiet groß und so bequem ausgestattet sein muss, dass man nicht einmal mehr selbst Skifahren muss, sondern auf einer Wolke an Abstiegshilfen ins Tal gleitet. Die Liftanlagen, ja, sie erinnern ein bisschen an die Schulskikurse der Jahre 1973/74, aber wenn man sich schon Schallplatten von Slade und Sweet hineinpfeift, um noch einmal wie ein Schulkind zu empfinden, dann ist der Lift auf den Graukogel eine denkwürdige Alter­native, die WM-Abfahrtsstrecke von 1958 inklusive.

Ich kam also in die Hütte, positiv berührt von der Übersichtlichkeit dessen, was ich bisher gesehen hatte, und dann gab es das Blunzengröstl. Nicht, dass ich Blunzengröstl für eine gewaltige Herausforderung an einen Koch halte, aber die Realität hat gezeigt, dass es eine gewaltige Herausforderung für einen Hüttenwirt darstellt, einen Koch zu beschäftigen: gute, knusprige Kartoffeln, die leicht süßliche Blutwurst in kräftigen Klumpen dazwischen, gebratene Zwiebeln, genug Pfeffer, eine deftige Hüttenspeise wie aus dem Lehrbuch.

Mit roten Wangen steckte ich mein Bschoadpackerl wieder weg und bestellte mir als Nachspeise einen Kaffee und ein Stück Kuchen. Ich war zufrieden, mehr als zufrieden. Hierher, dachte ich mir, soll jeder Hüttenwirt aus der Umgebung einmal pilgern, etwas Frisches essen, sich schämen, und dann nach Hause gehen, nachdenken, das Telefon in die Hand nehmen und einen Koch einstellen, der Zwiebel in Ringe schneiden kann und diese im Butterschmalz rösten. Dann, aber vorher nicht, bestelle ich mir die nächste Portion Kässpätzle.

Am nächsten Tag ließ ich das Skifahren aus. Stattdessen ging ich spazieren. Ich spazierte am Hoteldorf "Grüner Baum" vorbei, ließ mir von der schnapstrunkenen Besatzung eines Schlittens Schneebälle nachwerfen und revanchierte mich mit einem gezielten Klapser auf den Hintern des Zuggauls, so dass dieser einen Zwischensprint einlegte und der Schlitten lustig schlingerte. Dann bog ich in den Luis-Trenker-Weg ab und marschierte tief in den Nationalpark Hohe Tauern hinein. Die Luft war feucht und schwer, und der Schnee schluckte die Geräusche der Natur. In einem kleinen Wirtshaus bekam ich Gämswürste und ein Seidel Bier, und ich hatte das Gefühl, als hätte ich eben der Erfindung von Gämswürsten und Bier beigewohnt.

Als ich schon fast wieder zurück im Hotel war, fasste ich den Entschluss, noch ein paar Schritte weiterzugehen und mir den Ort, das städtische Zentrum Bad Gasteins, ein bisschen 

anzuschauen. 

Majestätische Häuser, leider leer. Die Stadtverwaltung, ab­gesiedelt in ein neues Gebäude an der Peripherie. Das Kongress­zentrum, ein Monument der siebziger Jahre zwischen Genie und Tiefgarage, leider leerstehend – erst ein Fotoessay in "Wallpaper" würde den Schick dieses Gebäudes wieder zum Vorschein bringen.

Ich dachte mir, dass es leicht wäre, hier einem melancholischen Missverständnis aufzusitzen: Natürlich, den Glanz vergangener Tage hat Bad Gastein abgelegt. Aber, nein, am absteigenden Ast ist Bad Gastein nicht.

Rund um den historischen Ortskern, der zum Gegenstand (und Opfer) von Spekulanten wurde und derzeit sicher mehr Vergangenheit als Zukunft hat, bildet sich ein frischer, zeitge­mäßer Qualitätstourismus heraus. Alte, traditionelle Häuser wurden und werden entkernt und auf einfühlsame Weise renoviert. Kleine, überschaubare Einheiten bilden ein intelligentes Gegengewicht zum Grand Hotel-Tourismus vergangener Zeiten. Skandinavische Touristiker haben Gastein entdeckt und eigene Hotels übernommen. Die Pisten sind voll von munteren Schwedinnen und Schweden, die auch im Nachtleben Akzente setzen.

Das Nebeneinander von Modernität und Melancholie, von Funktionalität und Poesie macht den besonderen Charme Bad Gasteins aus. 

Die absolute Einsamkeit vor der Quellfassung im Ortszentrum. Das bunte Toben und Treiben in der "Alpentherme" in Hof­gastein. Die brillante Fernsicht auf den Großglockner vom Gipfel des Kreuzkogels, dem höchsten Punkt der Station "Sportgas-tein", wenn das Wetter schön ist. Der Weg über die Flanken des Anlauftals, wenn der Wind pfeift und der Ranger auf Schneeschuhen vorangeht, Schritt, keuch, Schritt, keuch.

"Schaut, eine Gämse", sagte er und zeigte auf einen Punkt weit oben, der gerade langsam ein Schneefeld überquert.

Der Wind pfiff. Es war kalt. Es war herrlich.

Hoffentlich war Rudi mit dem Wein schon wieder zu Hause.

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